Die sterbende Umwelt durch die Klimaerwärmung macht viele Menschen traurig, vor allem auch Kinder und Jugendliche. «Ecological Grief», also Umwelttrauer, nennt sich das Phänomen. Trauern ist normal, aber wir sollten nicht in eine Schockstarre verfallen, sagt Kinder- und Jugendpsychiaterin Susanne Walitza vom Universitätsspital Zürich im Gespräch mit Philipp Bürkler.
Frau Walitza: Was ist Umwelttrauer?
Susanne Walitza: Die Klimakrise bringt grosse Veränderungen. Wir sehen das täglich in den Medien: Stürme, Überschwemmungen, Hitzewellen oder Dürren. Wir sehen, dass sich tatsächlich etwas verändert. Wir merken, dass wir Teil der Natur sind, deshalb sind wir extrem besorgt. Das Bienensterben hat uns schon aufgerüttelt, weil nicht nur die Biene stirbt, sondern auch alle damit verbundenen Ketten und Ökosysteme. Das löst eine Kombination an Gefühlen aus. Eines dieser Gefühle ist Trauer.
Trauer verbinden viele mit dem Verlust eines nahen Menschen. Trauern um die Natur ist neu. Ist der bisherige Trauerbegriff zu eng gefasst?
Die einseitige Assoziation von Trauer mit Menschen sollte unbedingt erweitert werden. Allerdings haben Menschen schon immer nicht nur um andere Menschen getrauert, sondern auch um Haustiere oder einen sterbenden Baum. Selbst um Institutionen, die sich verändern, kann getrauert werden. Das war schon vor der Klimakatastrophe so. Der Klimawandel ist jedoch etwas völlig Neues, und daher bedarf es einer neuen ökologischen Ethik: neuer Normen und Werte, die helfen, die richtigen Entscheidungen zu treffen.
Ist Umwelttrauer in der psychiatrischen Forschung bereits Thema oder kommt sie in Therapien zur Sprache?
Der Klimawandel ist qualitativ nicht mit anderen ökologischen Krisen vergleichbar. Es mangelt deshalb bisher an Erfahrungen, Forschung und Diskussionen. Diese wären notwendig, um Umwelttrauer überhaupt als psychische Krankheit anzuerkennen. Der Klimawandel ist Realität. Er ist keine irreale Angst, wie sie beispielsweise Kinder erleben, die sich in der Dunkelheit vor nicht real existierenden Dingen fürchten. Aus diesen Ängsten wachsen wir heraus, wenn wir älter werden. Natürlich haben auch Erwachsene Erwartungsängste, die sich dann aber meist als unberechtigt herausstellen. Der Klimawandel hingegen ist eine berechtigte Sorge.
Berechtigte Sorgen lassen sich schlecht therapieren?
Es stellt sich in Fachkreisen tatsächlich die Frage, ob es überhaupt sinnvoll ist, Umwelttrauer als Störung einzustufen. Denn Umwelttrauer und Umweltangst sind real. Die ausgelösten Gefühle sind in den meisten Fällen angemessen, auch wenn sie stark sind. Sie stellen eine wichtige emotionale Reaktion dar, die nicht behandlungsbedürftig ist. Eine weitere Frage betrifft die übersteigerte Umwelttrauer, die die Kriterien einer psychischen Störung erfüllt. Handelt es sich wirklich um eine neue Störungskategorie, nur weil ihr Auslöser neu ist, oder lassen sich die bisherigen Kategorien nutzen, um sie gut zu beschreiben und effektiv zu behandeln?
Sie sind Kinder- und Jugendpsychiaterin. Suchen Kinder und Jugendliche bei Ihnen spezifisch Hilfe, weil sie in Sorge sind um die Umwelt und das Klima?
Oft kommen Kinder und Jugendliche zu uns, weil sie in der Schule Stress haben. Beispielsweise weil sie mit Gleichaltrigen nicht zurechtkommen und sich dadurch zurückziehen. Oft sind sie chronisch müde und überfordert. Erst wenn wir genauer nachfragen, kommen noch andere Sorgen und Ängste zum Vorschein. Dazu zählen auch existenzielle Sorgen. Die Kinder und Jugendlichen fragen sich: Wie geht es mit mir weiter? Was sind meine Perspektiven? Sehr schnell kommen dann auch Fragen auf wie: Wie wird die Zukunft generell aussehen? Sie fragen sich, ob wir uns angesichts der Klimakrise nicht eigentlich ernsthafter Sorgen machen müssten.
Was raten Sie da?
Für uns Kinder- und Jugendtherapeuten ist es wichtig, in den Gesprächen kein Gefühl der Hilflosigkeit zu vermitteln, sondern den Fokus darauf zu legen, was jeder Einzelne tun kann. Das bedeutet nicht, das Problem zu verharmlosen oder gar die Kinder anzulügen, sondern sie nicht zu überlasten oder zu verunsichern. Dabei sind keine perfekten Antworten notwendig, sondern vielmehr die Bereitschaft, gemeinsam mit den Kindern zu lernen, eigenes Verhalten zu verändern und gemeinsam mit ihnen nach Lösungen zu suchen. Auch für Eltern oder andere Bezugspersonen ist es wichtig, Fragen nicht auszuweichen. Besser ist es, weniger Fachwissen und Details zu vermitteln, dafür aber dem Entwicklungsstand des Kindes angemessen zu antworten und gegebenenfalls gemeinsam mit ihm in das Gespräch einzusteigen.
Stellen Sie eine Zunahme psychischer Störungen – gerade bei Kindern und Jugendlichen – fest?
Die psychische Belastung ist ein gesellschaftliches Problem. In allen Ländern entwickeln Kinder und Jugendliche insgesamt mehr psychische Störungen. Das liegt auch an gesellschaftlichen Herausforderungen wie der Klimakrise. Eine Jugendliche berichtete beispielsweise, Umwelttrauer sei deswegen so schwer zu überwinden, weil man als einzelner Mensch das Gefühl habe, alleine nichts ausrichten zu können. Man sei abhängig von acht Milliarden anderen Menschen, die alle dasselbe Ziel verfolgen müssten, damit Klimaschutz tatsächlich zum Erfolg führen würde. Es geht bei Jugendlichen also vor allem um fehlende Kontrolle und Machtlosigkeit. Im negativen Fall kann das zu einem Freezing-Prozess führen und Betroffene in ihrer Handlungsfreiheit lähmen.
Viele Jugendliche gehen auf die Strassen und versuchen mit Klimastreiks und Protesten die Politik wachzurütteln, damit diese endlich handelt. Ist Aktivismus ein Mittel gegen Resignation?
Ich würde es nicht als Aktivismus bezeichnen, weil die Proteste berechtigt sind. Es ist wichtig, dass junge Menschen sagen: Wir sind diejenigen, die 2050 mit dieser Situation umgehen müssen. Wir müssen etwas tun, wir müssen euch aufrütteln. Sich zusammenzutun ist eine wesentliche Strategie, ein ganz wichtiger Bewältigungsmechanismus. Junge Menschen sehen, dass sie damit etwas bewirken können. In der Psychiatrie spricht man vom «Locus of Control», also von einer Kontrollüberzeugung, bei der es darum geht, den Verlauf der Dinge in die eigene Hand zu nehmen. Natürlich darf es nicht bei den Demonstrationen bleiben, sondern es ist wichtig für junge Menschen zu sehen, dass sich wirklich konsequent etwas verändert.
Wie soll mit den Sorgen über die Umwelt umgegangen werden?
Es ist wichtig, mit anderen über die Sorgen zu sprechen. Insbesondere für junge Menschen ist es wichtig zu lernen, zu unterscheiden, wann primär Panik erzeugt werden soll und wann forschungsbasierte Fakten vermittelt werden. Das ist eine wichtige Kompetenz im Umgang mit dem Internet. Informiert zu sein über Umweltthemen ist wichtig, andererseits lähmt ein dauerhaftes Gefühl von Ohnmacht und Hilflosigkeit.
Während junge Menschen auf den Strassen für mehr Klimaschutz protestieren, entziehen sich ältere Generationen teilweise aus der Verantwortung. Auch die Politik handelt nicht entschlossen genug.
Ich wünsche mir für die mittlere und ältere Generation, dass auch sie sagt: Man kann etwas bewirken. Es braucht auch politische Statements. Und eine Aufforderung an die Politik, nicht nur zu handeln, sondern auch die künftigen Kosten anzusprechen. Das wird derzeit vermieden. Als Psychologin und Psychiaterin sage ich: miteinander proaktiv vorgehen und als Erwachsene Vorbild für die jüngere Generation sein, ist essenziell. Die Generation der Erwachsenen und Personen in Leitungspositionen steht in der Pflicht, für die nächsten Generationen Sorge zu tragen. Das sagt eigentlich alles, oder? Es ist unsere Pflicht.
Die Bilder in den Medien wären eigentlich Grund genug, endlich zu handeln. Stürme, Fluten, Dürren und Hitzetage – auch in Europa. Die Klimakrise kommt immer näher.
Wir wurden bisher verschont. Keine Kriege in Europa, selbst Pandemien kannten wir nur aus Asien. Die psychische und physische Gesundheit hat sich ebenfalls immer nur verbessert, und die Lebenserwartung ist in den vergangenen Jahrzehnten gestiegen. Die Pandemie ist die erste wirkliche Krise in Europa seit dem Zweiten Weltkrieg. Jetzt, wo auch wir mittendrin sind, wird vielen bewusst, dass auch die Klimakrise nicht mehr weit ist.
Es sind mehrere Krisen, die parallel ablaufen. Wie können wir diese als Gesellschaft bewältigen?
Durch die Digitalisierung und das Internet sehen wir, dass es auf der Welt an allen Ecken brennt. Ereignisse, die weit weg sind, sind plötzlich nahe. Die Herausforderung besteht auch darin, diese Menge an Informationen zu verarbeiten und zu filtern und nicht in einen Zustand der Lähmung zu geraten. Da müssen Erwachsene Vorbilder für Kinder und Jugendliche sein. Gleichzeitig zeigte der erste Corona-Lockdown im vergangenen Jahr eine grosse Solidarität. Menschen haben gespürt: Wenn sie etwas für andere tun, geht es ihnen selbst auch besser.
Solidarität und ein etwas gemächlicheres Leben wirken sich also positiv auf die Psyche aus.
Interessanterweise haben sich psychische Störungen oder Ängste während des ersten Lockdowns bei vielen Menschen verbessert. Es wurde weniger Wert auf Leistung gelegt, sondern mehr auf Gemeinsamkeiten. Die Prioritäten wurden anders gesetzt: zuerst Gesundheit, dann Wirtschaft. Aus psychiatrischer Sicht hat das gezeigt, was im Prinzip möglich ist.
Müssten nicht auch in der Bildung die Prioritäten anders gesetzt werden? Klima- oder Gesundheitsthemen sind an Schulen noch eher unterrepräsentiert.
Es gibt eine Studentenvereinigung bei uns an der medizinischen Fakultät, die verlangt, das Thema Klima in den Lehrplan des Medizinstudiums aufzunehmen. Natürlich müsste Klima auch in anderen Studienrichtungen und Ausbildungen Bestandteil sein. Die Entwicklung geht aber in diese Richtung, auch beim Thema Gender. Bis vor einiger Zeit war es beispielsweise üblich, einen Herzinfarkt an männlichen Patienten zu untersuchen und die Ergebnisse auf alle Geschlechter zu übertragen. Es reicht aber nicht, nur zu sagen, die Geschlechter seien unterschiedlich, sondern auch zu zeigen, was es heisst, dass ein Herzinfarkt bei Frauen anders verläuft als bei Männern. Bezogen auf die Klimakrise ist es wichtig, dass wir nicht ständig katastrophisierend darüber sprechen. Das lähmt nur. Wichtiger ist die Erkenntnis, dass wir nur diesen einen Planeten haben und nicht auf den Mars umziehen können.
Lehrstuhlinhaberin und ärztliche Direktorin des Kinder- und Jugendpsychiatrischen Dienstes des Kantons Zürich (KJPD). Bild: KJPD – Dieser Artikel wurde erstmals am 21. November 2021 auf RESETTER publiziert.
