Das Wetter und die Zeit im Glas

Vision 2099

Das Wetter und die Zeit im Glas

Bericht von Jona Kaelen aus dem Jahr 2099.

Europa, 2099. Die Zeit ist flüssig geworden, die Hitze bestimmt den Alltag, und jeder Mensch investiert einen Teil seines Lebens in Boden, Nahrung und Gemeinschaft. Eine spekulative Reportage über Arbeit, Klima, Ernährung und den Versuch, Zukunft wieder als gemeinsame Aufgabe zu begreifen.

Spekulative Reportage Vision 2099 Klima · Arbeit · Ernährung · Zeit ca. 18 Minuten Lesezeit
Prolog

Erwachen in der Zeitblase

00:05:98. Die Zeitblase des Tages bläht sich langsam auf, doch sie bleibt zäh. Im Hochsommer der europäischen Regionen ist das Licht im Überfluss vorhanden und grausam zugleich; unsere Tagblase ist jetzt nur zwei Drittel so gross wie die schützende Nachtblase.

Ich liege unter meiner Seidendecke und beobachte, wie der erste Strahl die Jalousien durchbricht, die ich letztes Jahr in Handarbeit selbst gefertigt habe. Goldene Sonnenballen tanzen auf der marokkanischen Tapete meines Mikrohauses. Ich fange sie mit der Hand ein, spiele mit dem Licht, als wäre es flüssig.

In meinem Inneren meldet sich der NeuroString. Die hauchdünnen Graphen-Mikroschnüre in meinem Gehirn und die elastische Bahn in meinem Darm kommunizieren lautlos mit INTERSYS.

Ein kurzer Abgleich des Dopamin- und Serotoninspiegels erzeugt einen chemischen «Heureka-Moment», nicht künstlich induziert, aber technologisch bewusst gemacht, um die Schwere der 50 Grad Aussentemperatur zu vertreiben.

Zeit ist heute keine starre Sekunde mehr, sie ist eine Emulsion.

Wenn ich später mein Haus verlasse, werde ich ein Stück dieser lokalen Zeit mit mir ziehen, wie ein zähes Teigtröpfchen, das sich erst spät von der Masse trennt. Ich bin Teil des Meeres aus Zeit, ein Öltröpfchen in der Weltzeit, und heute habe ich laut INTERSYS noch 107 Handlungen vor mir, die ich nicht erledigen muss, sondern erleben darf.

Das Erbe der Trockenheit

Als spekulativer Historiker blicke ich oft zurück auf jene Ära, in der die Gewinn-Logik den Puls des Planeten bestimmte. Die Archive des Jahres 2026 zeichnen das Bild einer Gesellschaft, die eher über schrumpfende Bilanzen klagte als über den sterbenden Boden.

Der Frühling 2026 war einer der wärmsten der letzten 260 Jahre. Er war geprägt von aussergewöhnlicher Regenarmut, extremer Wettervarianz, strengem Frost und Hitzehöchstwerten zu Beginn der Vegetationsperiode.

In diese Zeit der sich anbahnenden massiven Dürre fiel ein geopolitisches Schlüsselereignis: die Sperrung der Strasse von Hormus. Was damals als Katastrophe für die globale Agrarindustrie galt, wurde später zu einer historischen Zäsur. Die Lieferketten für künstliche Düngemittel rissen ab. Europa war gezwungen, Landwirtschaft radikal neu zu denken.

Aus dem Engpass wurde eine Chance: Europa musste lernen, sich wieder aus dem eigenen Boden zu ernähren.

Vom Dürrejahr zur Lebensökonomie

2026

Die Trockenheit wird sichtbar

Hitze, Dürre und fragile Lieferketten zeigen, wie abhängig Europa von importierten Ressourcen, globaler Agrarindustrie und künstlichem Dünger geworden ist.

2030

European Civic Service

Junge Europäerinnen und Europäer übernehmen Verantwortung in Landwirtschaft, Pflege, Renaturierung und Infrastruktur. Erntearbeit wird zur gemeinsamen kulturellen Erfahrung.

2041–2053

Die Ära der Metamorphose

Hitzewellen, ausgelaugte Böden und Wasserknappheit erzwingen den Übergang von der Extraktion zur Regeneration. Fleisch verschwindet fast vollständig, Mikroalgen und lokale Kreisläufe werden zentral.

2060er–2080er

Die Lebensökonomie wird Alltag

Jeder Mensch investiert einen festen Anteil seiner Lebenszeit in Ernährung, Energie, Pflege, Infrastruktur und gemeinschaftliche Arbeit. Versorgung wird nicht länger ausgelagert, sondern geteilt.

2099

Alltag bei 50 Grad

Europa lebt in dezentralen Mikrodörfern, Farmgemeinschaften und beweglichen Häusern. INTERSYS koordiniert Kompetenzen, Ressourcen und Tätigkeiten. Zeit, Arbeit und Gemeinschaft sind neu organisiert.

Die Ära der Metamorphose

Zwischen 2041 und 2053 vollzog Europa den schmerzhaften Übergang von der Extraktion zur Regeneration. Die Hitzewellen ab 2041 machten den Klimadienst zur überlebenswichtigen Pflicht.

Fleisch, einst Symbol des Überflusses, verschwand um 2050 fast gänzlich. Die Wasserintensität der Tierhaltung und die ausgelaugten Böden liessen keine andere Wahl. An seine Stelle traten Mikroalgen, Insektenproteine und neue Formen lokaler Ernährungsproduktion.

Der radikale Wendepunkt ereignete sich 2053. Die Temperaturen erreichten regelmässig Spitzenwerte von bis zu 50 Grad Celsius. Die extremen klimatischen Bedingungen und die durch jahrzehntelange industrielle Ausbeutung ausgelaugten Böden machten die traditionelle Fleischproduktion unmöglich.

Statt wasserintensiver Tierhaltung hielten geschmacksneutrale Mikroalgen wie Chlorella und Mehlwurmfarmen Einzug in die europäischen Gemeinschaftsküchen und Labore.

Gleichzeitig wurde die gesellschaftliche Arbeit neu bewertet: Ein freiwilliges Jahr für Menschen über 60 wurde eingeführt, und durch die Einführung eines Teil-Grundeinkommens wurde die Erwerbsarbeitszeit drastisch gesenkt.

Die Landwirtschaft war nun nicht mehr Sache weniger Grosskonzerne, sondern lag in den Händen der Familienschaften, Community Industries und lokalen Kollektiven, deren Produktion und Verteilung durch INTERSYS nachhaltig steuerbar wurde.

Landwirtschaft vor 2041

  • Industrielle Monokulturen und Massentierhaltung
  • Hoher Wasserverbrauch für tierische Proteine
  • Profitmaximierung und geplante Obsoleszenz
  • Abhängigkeit von globalen Lieferketten
  • Bodenerschöpfung durch Stickstoffdünger

Landwirtschaft 2099

  • Biohacking und kontrollierte Nährstoffkreisläufe
  • Community-Äcker und Mikrofarm-Plantagen
  • Wasserarme Kulturen und Mikroalgen
  • Ressourcen-Pflicht und langlebige Architektur
  • Lokale Kreislaufwirtschaft und Eigenversorgung

Die Lebensökonomie wird Alltag

In den Jahrzehnten nach der Metamorphose etablierte sich die Einsicht, dass nachhaltiges Leben bedeutet, sich selbst versorgen zu können. Es entstand die Lebensökonomie: Jeder Mensch bringt einen festen Anteil seiner Lebenszeit für das Gemeinwohl auf.

Der Mehraufwand wurde exakt berechnet, aber nicht als Verlust empfunden. Zehn Prozent der eigenen Lebenszeit – etwa 2,4 Stunden am Tag oder umgerechnet zwei Wochen im Jahr – investiert heute jeder Europäer in die Ernährungsproduktion, sei es beim Anbau von Gemüse oder in der Algenzucht.

Urlaub im klassischen Sinn verschwand. Stattdessen wechseln die Menschen ihren Aufenthaltsort und helfen in Mikrodörfern, Farmplantagen und lokalen Gemeinschaften Europas bei Aussaat, Pflege und Ernte mit.

Arbeit im 10-Prozent-Rhythmus

In der heutigen Kompetenzgesellschaft ist Arbeit ein Beitrag zur Resilienz. Meine Kompetenznummer im XDING-Register zeigt, welchen Wert meine investierte Zeit für die Umgebung hat. Das Bedingungslose Grundeinkommen deckte Mitte des Jahrhunderts die Tauschbedürfnisse, später wurde es vollständig durch XDING ersetzt.

Die Ressourcen-Pflicht verlangt, dass ich meine Lebenszeit direkt in den Erhalt meiner Umgebung investiere. Bei 50 Grad Aussentemperatur regelt meine High-Tech-Kleidung meine Körperhitze, während ich meine täglichen Pflichten im 10-Prozent-Takt absolviere.

10 Prozent · 2,4 h

Energie

Wartung der Photovoltaik-Module, Prüfung lokaler Batteriespeicher und Energiegewinnung durch Muskelkraft.

10 Prozent · 2,4 h

Ernährung

Pflege der Chlorella-Tanks, Wartung vertikaler Gärten, Urban Farming, Wasseraufbereitung und gemeinsame Mahlzeiten.

10 Prozent · 2,4 h

Wohnumgebung

Instandhaltung von Mikrohäusern, Mobilität, Gemeinschaftsräumen, Müllentsorgung, Kanalarbeiten und lokaler Infrastruktur.

10 Prozent · 2,4 h

Körper und Geist

Überwachtes Training gegen Atrophie in der Hitze-Isolation, Bildung, Weiterbildung und Pflege körperlicher wie geistiger Fähigkeiten.

10 Prozent · 2,4 h

Civic Work

Tätigkeiten nach der Competencebank: Pflege, Katastrophendienst, Renaturierung, Bildung, Infrastruktur oder gemeinschaftliche Arbeit.

10 Prozent · 2,4 h

Familienarbeit

Organisation von Fürsorge, Beziehungen, Familienschaften, Konfliktklärung und gemeinschaftlichem Zusammenleben.

10 Prozent · 2,4 h

Exzess

Sinnlose Verausgabung, Forschung, Spiel, Experiment und Entwicklung: der unberechenbare Rest, den kein System vollständig planen kann.

30 Prozent · ca. 8 h

Regeneration

Schlaf, Erholung, körperliche Stabilisierung und Rückzug. Auch Regeneration gilt als Teil der gesellschaftlichen Balance.

Freizeit ist nicht verschwunden. Sie hat nur aufgehört, das Gegenteil von Arbeit zu sein.

Irgendwann ist eine optimale Lebensform gefunden, und innerhalb dieser schlägt INTERSYS Tätigkeiten vor. Man muss sich keine unnötigen Gedanken mehr machen über Sinn, Karriere oder Überleben. Diese ehemaligen Einschränkungen der Freiheit können problemlos von Maschinen übernommen werden.

Manche Menschen schlafen länger, andere befassen sich mehr mit Familienmanagement, wieder andere investieren ihre Energie in Exzess, Forschung oder Körperbildung. Die Verteilung kompensiert sich durch unterschiedliche Interessen. Wichtig ist nur, dass die Alten gepflegt, die Infrastruktur erhalten und die natürlichen Kreisläufe stabil gehalten werden.

Epilog

Der Weg zum Nichts

Die Schatten meiner Mikrofarm werden länger. Die Tag-Zeit zieht sich zusammen, während die mächtige Nachtblase den Horizont verschluckt.

Mit 77 Jahren lebe ich nun seit elf Jahren in der Phase der Weisen. Meine Hände, rau von den Filtern der Chlorella-Tanks, sind bereit für die Nullwerdung.

In unserer Welt ist der Tod kein Tabu, sondern ein rituell berechneter Nullwert. Bald erwartet mich mein persönlicher Nothing Day. Den Zeitpunkt habe ich selbst bestimmt.

Ich blicke ein letztes Mal auf die Agrarlandschaft, in der die Transportpakete wie lautlose Lichtpunkte über die Rollstrassen gleiten. Die Zeit ist flüssig.

Die Null ist kein Ende, sondern die perfekte Balance.

Bald werde ich mein eigenes Teigtröpfchen verlassen und eins werden mit dem grossen Meer aus Wasser, das wir so verzweifelt aus den Wolken zu ringen versuchten. Ich habe keine Angst.

Fiktives Profil · Europa 2099

Über Jona Kaelen

Jona Kaelen ist der Boden, der das Wasser hält, und der Wind, der die Drohnen lenkt. Ein Leben lang verbunden mit dem grossen Geflecht der Menschen.

Er ist 77 Jahre alt, geboren in der Zeit der grossen Klimaumbrüche im Jahr 2022, und zählt sein Leben in 953 Lunationen. Jona ist fest eingebunden in das dezentrale soziale Netz Europas und war im Laufe seines Lebens Mitglied in sieben verschiedenen Familienschaften.

Diese hybriden Sozialorganisationen, zwischen Verein und Genossenschaft, dienen der gegenseitigen Fürsorge und dem Zusammenleben. In zweien dieser Familienschaften übernahm Jona die Rolle des Familienmanagements – nicht als hierarchische Bestimmung, sondern als Ermöglichung.

Seit seiner Kindheit reflektiert Jona sein Leben täglich in einer persönlichen Biografie. Dieses Journaling gehört zu den wichtigsten Alltagsaufgaben der europäischen Bürger:innen und fliesst später in die 21 Kernkompetenzen ein.

In jungen Jahren schloss sich Jona freiwillig dem europäischen Klimadienst an, arbeitete in Aufforstung und Renaturierung und absolvierte später einen weiteren Einsatz im Katastrophendienst des European Civic Service.

Heute lebt Jona in einem beweglichen Mikrohaus, das flexibel an landwirtschaftliche Anlagen oder Mikrodörfer in ganz Europa andocken kann. Sein Körper wird durch einen implantierten NeuroString überwacht, seine Ernährung stammt primär aus eigener Ernte.

Anstelle eines starren Berufs besitzt Jona ein offenes, dynamisches Kompetenzprofil im europäischen Kompetenzen- und Ressourcenregister XDING sowie in der Competencebank. Sein Profil umfasst über 8000 Einzeltätigkeiten: Bodenökologie, Algenzucht, Wartung landwirtschaftlicher Drohnensysteme, dezentrale Energieanlagen, Familienmanagement und Methoden der Renaturierung.

Als Weise bereitet sich Jona derzeit auf seinen Nothing Day vor – das dreitägige Ablebensfest, bei dem der Übergang in das absolute Nichts im Kreis der Familienschaft zelebriert wird.

Jona Kaelen ist eine fiktive Autorenfigur aus der Utopie «2099» – 70 Erzählungen aus der Zukunft.

Mario Purkathofer beschäftigt sich als Schriftsteller mit soziokulturellen Entwicklungen und fungiert hier als Herausgeber. Neben Autorinnen und Autoren aus der Zukunft wird künstliche Intelligenz als Werkzeug eingesetzt, um die komplexen Zusammenhänge dieser Utopie zu organisieren – einer Utopie, die sämtliche Gesellschaftsbereiche betrifft.

Bildhinweis: Kürbisfeld des Autors, CC Andreas Fladerer.