Wird die Erde schon bald mit Elektroschrott aus KI-Systemen zugemüllt? KI braucht Rechenzentren, Server und Spezialchips. Was mit dieser Hardware geschieht, wenn sie ausgedient hat, gerät leicht aus dem Blick. Eine neue Studie warnt vor einer gewaltigen Abfallwelle.
Eine Anfrage an KI-Chatbots dauert oft nur Sekunden. Hinter der schnellen Antwort stehen enorme Rechenzentren. Server, Kabel, Netzwerktechnik, Stromversorgung und Kühlung. Genauso schnell, wie sich die KI entwickelt, so schnell entwickeln sich auch die Hardware-Komponenten. Rechenzentren, die schnell arbeiten sollen, brauchen deshalb auch immer neue Technik. Das erzeugt Elektroschrott. Wie gross dieser Abfallberg werden könnte, hat die Umweltorganisation Basel Action Network (BAN) aus Seattle in einem neuen Bericht berechnet.
Die Schätzung fällt massiv aus. Bis Mitte des Jahrhunderts könnten weltweit 395 bis 617 Millionen Tonnen Elektronikgeräte und technische Anlagen aufgrund des KI-Ausbaus ausgemustert werden. Gemäss BAN würde das rund 23 Millionen grossen Schiffscontainern entsprechen, die aneinandergereiht ungefähr sechsmal um die Erde reichen würden. Der Bericht beschreibt ein Szenario, keine Zahlen über bereits verursachten Abfall.
Mehr als alte Server
KI-Systeme sind ökologisch vor allem in der Kritik wegen ihres enormen Strom- und Wasserverbrauchs. BAN richtet den Blick dagegen auf die Technik von Rechenzentren. Neben Servern und Chips berücksichtigt die Organisation auch Netzwerktechnik, Kabel, Stromversorgung und Kühlsysteme.
Besonders problematisch könnten die spezialisierten KI-Chips werden. Gemäss BAN lassen sie sich nach ihrer Ausmusterung wohl nur schwer für andere Aufgaben weiterverwenden. Wenn eine neue Chipgeneration erscheint, könnten deshalb sehr viele Geräte gleichzeitig ersetzt werden – auch wenn sie noch funktionieren.
Basel Action Network sieht noch eine weitere Dimension: Immer schnellere KI-Funktionen könnten dazu führen, dass Unternehmen – aber auch Privatpersonen – Computer, Smartphones und Netzwerktechnik früher ersetzen als nötig. Wie stark dieser Effekt tatsächlich ausfällt, lässt sich heute kaum belegen. Aber immerhin ersetzen heute schon viele Menschen ihr Smartphone, sobald ein neues Modell auf den Markt kommt, obwohl das alte noch einwandfrei funktioniert.
KI könnte diese Praxis noch beschleunigen: Aufgrund neuer KI-Funktionen könnten Menschen funktionierende Geräte vorzeitig austauschen, schätzt die Organisation. Für 2030 veranschlagt BAN jährlich 8,6 bis 13,1 Millionen Tonnen KI-bedingt ausgemusterter Technik. Bis 2050 könnten es nach ihrem Modell 31 bis 46 Millionen Tonnen pro Jahr sein. BAN vermutet, dass sich bis 2050 die gesamte weltweite Elektroschrottmenge ungefähr verdreifacht. Aber nicht nur KI ist schuld, weltweit wächst die Menge an Elektroschrott schon seit Jahren.
Die Studie geht von einer Vermutung aus. BAN schreibt selbst, dass die angenommene Wachstumsrate über 25 Jahre höher oder tiefer ausfallen könnte. Die Studie zeigt damit eine mögliche Grössenordnung und macht zugleich sichtbar, welche Annahmen noch spekulativ sind.
Was hat das mit der Schweiz zu tun?
Die Schweiz ist Teil dieser Entwicklung, auch wenn es hierzulande wenige Rechenzentren gibt. Eine Studie im Auftrag des Bundesamts für Energie beziffert den Stromverbrauch von Cloud-Rechenzentren für 2024 auf 2,1 Terawattstunden, rund 3,6 Prozent des Schweizer Gesamtverbrauchs. Bis 2030 erwartet sie einen Anstieg auf 2,5 bis 3,2 Terawattstunden. Das entspricht rechnerisch dem jährlichen Stromverbrauch von rund 560’000 bis 710’000 Schweizer Vierpersonenhaushalten – oder gut vier bis fünfeinhalb Prozent des gesamten Schweizer Stromverbrauchs von 2025.
Zugleich hält der Bund fest, dass KI in Schweizer Rechenzentren bislang eine untergeordnete Rolle spielt: Grosse Anlagen für das Training von Sprachmodellen gibt es hier noch nicht. Eine eigene Schweizer Elektroschrottprognose lässt sich aus den globalen BAN-Zahlen deshalb nicht ableiten.
Bei der Entsorgung verfügt die Schweiz bereits über etablierte Strukturen. Wer ein neues Elektrogerät kauft, zahlt bereits die Entsorgung mit. Die Rücknahmesysteme Swico und SENS liessen 2025 zusammen rund 144’000 Tonnen Elektro- und Elektronikaltgeräte verarbeiten. Swico nimmt unter anderem ausrangierte Geräte aus Informatik und Kommunikation zurück.
Die entscheidende Frage beginnt ohnehin vor dem Recycling: Wann gilt ein Gerät als veraltet? Wenn funktionierende Technik wegen neuer Leistungsanforderungen früh ersetzt wird, müssen neue Geräte hergestellt und die alten verarbeitet werden. Längere Nutzungszeiten, Reparatur und Wiederverwendung könnten die Abfallmenge begrenzen.
Der BAN-Bericht ist somit auch ein Anlass für konkrete Fragen an Betreiber und Hersteller: Wie lange bleiben Server, Chips und Kühlsysteme im Einsatz? Wie wollen wir als Gesellschaft mit dem Druck umgehen, immer neue Technik zu installieren, obwohl die alte noch funktioniert?

