Zukunft gestalten, heisst vor allem Gegenwart gestalten

Wie sich der Mensch die Zukunft vorstellt. Eine Gesellschaft aus Robotern, die uns Menschen unterwerfen? Foto: phb
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Seit 22 Tagen leben wir in den 20er-Jahren des 21. Jahrhunderts. Medien, Gesellschaft und Politik sollten endlich damit anfangen darüber zu reden, wie die Gesellschaft «von Morgen» aussehen soll. Das bedeutet vor allem, über die Gegenwart nachzudenken.

«Zukunft» ist etwas Abstraktes. Kein Mensch kann sie vorhersagen oder alleine gestalten. In Medien und in der Popkultur wird Zukunft oft mit Science Fiction und Technologie in Verbindung gebracht. Zukunft wird meistens als eine «ferne» Zeit beschrieben, in der Technologien weit fortgeschritten sind oder Computer in einer Post-Singularität die menschliche Intelligenz längstens überholt haben werden. Das gesellschaftliche Setting in solchen Filmen spielt oft in einer dystopischen Gesellschaft, in der Überwachung, Unterdrückung oder Krieg herrschen.

Abstrakt bleibt der Zukunftsbegriff oft aber auch bei konkreten Fragestellungen und Problemen der Gegenwart. «Klimaneutralität bis 2050» oder «Meeresspiegelanstieg auf zwei Meter bis 2100» sind mediale Schlagzeilen, die für kaum jemanden wirklich greifbar sind. Genauso wenig wie wir unseren Fingernägeln beim Wachsen zusehen können, bemerken wir den Anstieg der Meere beim blossen Hinsehen. Klimaerhitzung ist ein Phänomen, das wir nicht linear, sondern nur bruchstückhaft anhand von einzelnen Katastrophen beobachten können.

Die bruchstückhafte Wahrnehmung sowie die zeitliche Entfernung der «Katastrophe» macht es für viele Menschen immer noch schwierig, adäquat zu handeln. Gleichzeitig wissen wir, dass unser jetziges Nichtstun, in Zukunft Konsequenzen haben wird. Wir wissen, dass sich Überschwemmungen, Dürren, Hitzewellen häufen und sich der Verlust der Artenvielfalt und der steigende Meeresspiegel beschleunigen werden. Trotzdem handeln wir noch immer nicht entschieden genug.

Die Wissenschaft nennt dieses Phänomen kognitive Dissonanz. Menschen wissen, dass Rauchen Krebs verursachen kann, rauchen aber trotzdem. Ein Spielsüchtiger in einem Casino weiss, dass die Gewinnchancen verschwindend klein sind, dennoch verspielt er sein gesamten Vermögen. Die Politik weiss, dass sie den CO2-Ausstoss durch nur mit einer Dekarbonisierung stoppen kann, dennoch subventioniert sie die Flugbranche mit Milliarden.

Kognitive Dissonanz hat noch einen weiteren Effekt. Weil die Folgen des Nichtstuns oft erst in einer (fernen) Zukunft spürbar sind, schieben wir auch unsere Verantwortung von uns weg. Irgendjemand wird es dann schon richten, so die verbreitete Einstellung. Dabei wäre Verantwortung heute wichtiger denn je. Uns gegenüber und auch den künftigen Generationen gegenüber.

Gleichzeitig befinden wir uns gewissermassen in einer kollektiven Spirale der Ohnmacht, aus der es schwierig ist zu entkommen. Wer soll Veränderung – Change – anschieben, wenn nicht Politik und Wirtschaft, also Leute mit Macht und Einfluss? Welche Rolle spiele ich als «einzelnes Rädchen» in diesem Prozess des Wandels?

Um dieses Dilemma zu lösen, sollten wir beginnen, uns Zukunft als etwas Nahes vorzustellen, als etwas, das uns unmittelbar betrifft. Im Sinne von: «Zukunft beginnt jetzt.» Wir sollten als Gesellschaft endlich damit beginnen darüber zu reden, wie wir uns denn die Welt heute vorstellen und nicht nur, wie sie morgen aussehen könnte. Sobald wir uns davon lösen, angestrengt in die Zukunft denken zu müssen, merken wir, dass wir eigentlich mehr über die Gegenwart sprechen sollten. Gegenwart ist nahe, unmittelbar. Und genau deshalb auch veränderbar.

Wir sollten jetzt beginnen darüber nachzudenken, wir wir die Städte möglichst autofrei hinbekommen. Wir sollten jetzt darüber nachdenken, wie wir den öffentlichen Raum lebenswert gestalten können. Wie wir unsere Parks und Naherholungsgebiete noch erreichbarer und lebenswerter gestalten können. Wir sollten jetzt darüber reden, was es braucht, um noch mehr bezahlbare Wohnungen in einer Stadt zu bauen. Und so weiter und so fort. Das alles sind keine Zukunftsthemen, es sind Themen der Gegenwart. Aus Gegenwart wird Zukunft.

Es stellen sich Fragen wie: Was bedeutet die Klimaerhitzung bereits für uns heute lebenden Menschen? Wie können wir bereits heute ein gutes Leben erreichen, das auch für zukünftige Generationen noch etwas taugt? Wenn wir damit beginnen zu überlegen, wie wir heute bereits besser leben wollen, bemerken wir, dass auch künftige Generationen noch ein Anrecht auf saubere Luft zum Atmen und ein intakes Ökosystem haben.

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