Wenn das Klima das Gedächtnis zerstört

Archive gelten oft als Orte der Stabilität. Massive Mauern, klimatisierte Keller, jahrhundertealte Bücherregale. Orte, die Geschichte bewahren sollen — unabhängig davon, was draussen geschieht. Doch genau diese Stabilität gerät durch den Klimawandel zunehmend unter Druck.

Papier, Pergament, Fotografien, Filmrollen, Magnetbänder oder Tonaufnahmen reagieren extrem sensibel auf ihre Umgebung. Schon kleine Veränderungen bei Temperatur oder Luftfeuchtigkeit können historische Materialien dauerhaft schädigen. Die grösste Gefahr sei dabei oft nicht einmal Feuer oder direkte Zerstörung, sondern Schwankungen von Temperatur und Feuchtigkeit.

Steigende Temperaturen, Hitzewellen und zunehmende Luftfeuchtigkeit schaffen ideale Bedingungen für Schimmel, Pilze und Schädlingsbefall. Besonders Papierarchive reagieren darauf empfindlich. Schimmel kann Bücher und Dokumente buchstäblich auffressen. Gleichzeitig beschleunigen Wärme und Feuchtigkeit chemische Zerfallsprozesse: Papier wird spröde, Fotografien verblassen, Klebstoffe lösen sich, Filmrollen zerfallen.

Wasser ist die grösste Gefahr

Besonders gefährlich sind Überschwemmungen und Starkregen. Klimaforscher:innen und Archivexpert:innen warnen seit Jahren davor, dass steigende Meeresspiegel, Sturmfluten und Hochwasser weltweit Archive bedrohen. Eine Studie zu amerikanischen Archiven kommt zum Schluss, dass fast 99 Prozent aller untersuchten Archive künftig mindestens einem Klimarisiko ausgesetzt sein könnten. 

Schon heute entwickeln viele Bibliotheken Notfallpläne gegen Hochwasser, Starkregen oder Brände. Die Gefahr ist real — und historisch keineswegs neu.

1966 wurde die berühmte Biblioteca Nazionale Centrale di Firenze durch eine Überschwemmung des Arno schwer beschädigt. Tausende Bücher und Handschriften wurden von Wasser, Schlamm und Öl zerstört oder schwer beschädigt.  Mit zunehmenden Extremwetterereignissen könnten solche Katastrophen künftig häufiger werden.

Der Klimawandel trifft auch digitale Archive

Oft gilt Digitalisierung als Lösung: Wenn Bücher, Fotos oder Dokumente digitalisiert werden, scheinen sie sicher. Doch auch digitale Archive sind verletzlich.

Serverfarmen benötigen Strom, Kühlung und stabile Infrastruktur. Hitzewellen erhöhen den Energiebedarf massiv. Extremwetter oder Stromausfälle können Rechenzentren gefährden. Gleichzeitig altern Datenträger schnell.

Damian Borth von der Universität St. Gallen beschreibt das Grundproblem digitaler Obsoleszenz so: Selbst wenn Daten noch existieren, fehlen oft irgendwann die Geräte oder Programme, um sie überhaupt noch lesen zu können. Roman Griesfelder von Internet Archive Switzerland spricht deshalb von der enormen Flüchtigkeit digitaler Informationen. Software verschwinde, Dateiformate würden unlesbar, Systeme inkompatibel.

Der Klimawandel verschärft diese Fragilität zusätzlich. Denn digitale Infrastruktur ist auf stabile Umweltbedingungen angewiesen — genau jene Stabilität, die durch die Erderwärmung zunehmend unter Druck gerät.

Bedrohte Archive weltweit

Für Internet Archive Switzerland ist der Klimawandel deshalb bereits ein konkretes Archivierungsproblem. Griesfelder sagt, Bibliotheken und Archive seien heute zunehmend gefährdet — nicht nur politisch, sondern ausdrücklich auch durch den Klimawandel. Besonders Länder, die stark von Klimafolgen betroffen sind, stünden vor der Frage, wohin sie ihr kulturelles Wissen überhaupt noch retten können. Deshalb entsteht derzeit die Idee sogenannter «Endangered Archives» — gefährdeter Archive.

Die Vorstellung dahinter: Wissen und kulturelles Erbe sollen digital gesichert und geografisch verteilt werden, bevor sie durch Umweltkatastrophen verloren gehen. Denn anders als die antike Bibliothek von Alexandria lassen sich digitale Archive theoretisch vervielfältigen und an mehreren Orten gleichzeitig speichern.

Das Klima bedroht das kulturelle Gedächtnis selbst

Archive sind die fundamentale Voraussetzung dafür, dass Gesellschaften aus ihrer Vergangenheit lernen können. Doch genau dieses kulturelle Gedächtnis wird heute durch Klimawandel, Wasser, Umweltveränderungen und Krisen bedroht. Der Klimawandel ist damit nicht nur eine ökologische oder wirtschaftliche Krise. Er wird zunehmend auch zu einer Krise der Erinnerung.

Denn wenn Archive zerstört werden, verschwinden nicht nur Objekte.
Es verschwinden historische Zusammenhänge, kulturelle Identitäten und gesellschaftliche Erfahrungen.

Die paradoxe Zukunft der Bewahrung

Die eigentliche Ironie liegt darin, dass Archive geschaffen wurden, um Zeit zu überdauern. Doch nun zwingt gerade die beschleunigte Veränderung des Planeten diese Institutionen selbst in einen permanenten Überlebensmodus. Archive müssen heute nicht mehr nur Wissen bewahren. Sie müssen lernen, sich gegen eine instabile Umwelt zu verteidigen.