Kollaps im Mittelmeer: Massensterben von bis zu 95 Prozent

Die Küste bei Bat Yam, südlich von Tel Aviv. Die Artenvielfalt im Mittelmeer ist in dieser Region um 95 Prozent zurückgegangen. Foto: wikimedia
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In den letzten Jahren hat im Mittelmeer ein dramatisches Artensterben stattgefunden. Das berichten Forscher:innen in einem neuen Bericht. Demnach sind vor allem heimische Tierarten wie Schnecken oder Muscheln in Massen ausgestorben. Der Rückgang beträgt in einzelnen regionen bis zu 95 Prozent. Untersucht wurde ein längerer Küstenabschnitt in Israel.

Am stärksten ist der Rückgang gemäss den Forscher:innen in seichtem Wasser. Für Taucherinnen und Taucher sei der Küstenabschnitt praktisch nicht mehr wiederzuerkennen, heisst es im Bericht, der im Wissenschaftsmagazin «Proceedings of the Royal Society B: Biological Sciences» veröffentlicht wurde.

Während einheimische Tierarten aussterben, gelangen immer mehr Tiere aus dem tropischen Raum über den Suezkanal in das Mittelmeer. Diese Tiere fühlen sich demnach zunehmend wohler im Mittelmeer.

Die Küstengewässer Israels gehören zu den wärmsten im Mittelmeer. Deshalb leben die meisten Tierarten vor der israelischen Küste bereits an der Toleranzgrenze der für sie angenehmen Temperatur. Durch die Klimaerwärmung sind die Temperaturen in den vergangenen Jahrzehnten nochmals gestiegen, wie die internationale Studie unter der Leitung von Paolo Albano vom Institut für Paläontologie aufzeigt.

Alleine zwischen 1980 und 2013 hat sich das Wasser dort um etwa drei Grad erwärmt. Im Sommer sind Wassertemperaturen von 32 Grad keine Seltenheit. «Die Temperatur übersteigt infolge des Klimawandels das, was die mediterranen Arten aushalten können – die heimische Biodiversität stirbt dort, regional gesehen, daher grossteils aus.»

So konnte Albano und sein Team beispielsweise das regionale Aussterben für marine Mollusken beziffern, also jene Gruppe der wirbellosen Tiere. Dazu zählen unter anderen Schnecken und Muscheln. Die Forscher:innen haben dafür entlang der israelischen Küste die Artenvielfalt anhand leere Schalen auf dem Meeresboden rekonstruiert und mit dem derzeitigen Vorkommen verglichen. So konnten sie einen dramatischen Rückgang der Arten nachweisen.

Am stärksten betroffen sind demnach die seichten Lebensräume. In Tiefen also, in denen Taucher:innen unterwegs sind. Hier stellten die Wissenschaftler:innen einen Rückgang der Artenvielfalt von bis zu 95 Prozent fest. Oft fand das Team lediglich Schalen in den Sedimenten, aber keine lebenden Tiere mehr.

Wann genau der Artenverlust begonnen hat, können die Forscher:innen nicht genau beziffern. «Muscheln bleiben in oberflächlichen marinen Sedimenten über Jahrzehnte bis Jahrtausende erhalten.» Es deutet jedoch viel darauf hin, dass der grösste Teil dieses Verlustes in jüngster Zeit, möglicherweise erst in den letzten Jahrzehnten, stattgefunden hat. Die meisten der gefundenen Muscheln seien maximal 60 Jahre alt, weshalb man mit höchster Wahrscheinlichkeit davon ausgehen könne, dass der Klimawandel für das Artensterben verantwortlich sei.

Aber auch bei den noch lebenden Arten, können bis zu 60 Prozent der Tiere nicht genug wachsen, um sich fortzupflanzen, heisst es in der Studie. Das sei «ein klares Zeichen dafür, dass sich der Zusammenbruch der Artenvielfalt weiter fortsetzen wird».

Während bei den einheimischen Tierarten im Mittelmeer ein Massensterben im Gang ist, gedeihen dafür tropische Arten umso besser. Die über den Suezkanal eingewanderten Arten können im warmen Wasser, das sie im östlichen Mittelmeer vorfinden, prächtig gedeihen. Die Bedingungen sind für ihre Ansiedlung sehr gut geeignet, weshalb sie in grossen Populationen und mit voll fortpflanzungsfähigen Individuen vorhanden sind.

Gemäss der Studie steht es schlecht um das Mittelmeer. Selbst wenn die Kohlendioxid-Emissionen heute gestoppt würden, würde sich das Meer noch lange weiter erwärmen. Dafür sorgt die Trägheit des Systems, quasi der lange Bremsweg der Erderwärmung. 

Die Forscher:innen um Paolo Albano gehen davon aus, dass sich der Kollaps der Artenvielfalt im Mittelmeer weiter ausbreiten und sich noch verstärken wird. Auch in anderen, noch nicht untersuchten Regionen des Mittelmeers, könnte der Prozess ebenfalls bereits ablaufen.

Organismen allerdings, die täglich mit durch Ebbe und Flut abwechselnd vom Wasser bedeckt und dann wieder von der Sonne beschienen werden oder in tieferen und damit kühleren Meeresregionen leben, dürften zurzeit noch weniger Probleme haben und vom Aussterben verschont blieben. Noch, zumindest.

«Die Zukunft ist düster, wenn wir nicht sofort handeln, um unsere Kohlenstoff-Emissionen zu reduzieren und die Lebensräume im Meer vor anderen Belastungen zu schützen, die zum Verlust der Artenvielfalt beitragen», warnt Paolo Albano. Die bereits eingetretenen Veränderungen in den wärmsten Gebieten des Mittelmeers seien möglicherweise nicht umkehrbar, so Albano. «Wir könnten aber grosse Teile des restlichen Meeresbeckens retten.»

Die Studie ist von einem internationalen Team mit unterschiedlichstem Hintergrund zustandegekommen. So arbeiteten erstmals Ökolog:innen und Paläontolog:innen zusammen. Diese Zusammenarbeit liefert gemäss Albano eine einzigartige und neue Einsicht darüber, wie der Mensch die Biodiversität beeinflusst.

Mollusken aus dem Süden Israels: Die blau markierten Proben stammen aus dem Mittelmeer

Mollusken aus dem Süden Israels: Die blau markierten Proben stammen aus dem Mittelmeer Foto: Paolo Albano von der Universität Wien

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