Kreativität und kreatives Denken werden an Grund- und Sekundarschulen oft nur spärlich gefördert. Im Berufsalltag sind kreative Denkprozesse vielen Menschen ebenfalls fremd. Dabei gilt Kreativität längst als zentrale Fähigkeit, um mit gesellschaftlichen, wirtschaftlichen und persönlichen Herausforderungen umzugehen. Paolo Bianchi, Kreativitätsforscher und Dozent an der Zürcher Hochschule der Künste ZHdK, spricht im Interview über freies Spiel, Naturerfahrungen, Bildung, Arbeitswelt und die Frage, warum Staunen eine Voraussetzung für Zukunft ist.
Resetter: Paolo Bianchi, wie wichtig ist Kreativität für Kinder und Jugendliche?
Paolo Bianchi: Wenn es gelingt, Kinder und Jugendliche in einen Prozess des Spielens zu bringen, ist das ein kreativer Akt. Das Spiel oder das Spielen ist prototypisch für den Vorgang der Erkenntnis. Kinder lernen im Kindergarten weniger durch die Vermittlung über herkömmliche Beschäftigungspädagogik als vielmehr im freien, ungezwungenen Spiel. «Ich halte das Spiel für das Universale», schrieb der englische Kinderarzt und Psychoanalytiker Donald Winnicott. In vielen Familien haben Kinder und Jugendliche oft ein festgelegtes Programm zu absolvieren: Musikstunden, Sportkurse, Spielnachmittage. Neueste Forschungen zeigen, dass ein Zuviel an organisierter Aktivität das kindliche Gehirn negativ belasten kann.
Kinder und Jugendliche – eigentlich auch Erwachsene – befinden sich also in einem starren Korsett, das ihre Kreativität hemmt statt fördert?
Ja, genau. Der bekannte Schweizer Entwicklungspsychologe Jean Piaget meinte: «Alles, was wir die Kinder lehren, können sie nicht mehr selbst entdecken und damit wirklich lernen.» Als Kreativitätsforscher fordere ich für Kinder die Ermöglichung zum freien Spielen in der belebten Natur. Dort wird ihre Neugierde und Explorationslust geweckt.
Es ist überhaupt nicht ungewöhnlich, wenn man heutzutage von einem Siebenjährigen den Satz hört: «Ich bin zum ersten Mal im Wald.» Vielleicht mag uns das erstaunen. Doch Studien machen es deutlich: Die Generation unserer Grosseltern verbrachte noch 75 Prozent der Freizeit in der freien Natur, jene der Eltern 55 Prozent und jene unserer Kinder nur noch 25 Prozent.
Es gilt auch festzuhalten, dass Kinder und Jugendliche, die ihre freie Zeit zum Teil für einen Aufenthalt im Wald nutzen können, einen grösseren Zugang zu kreativen Lösungen haben als Kinder, denen das verwehrt ist und die nur ihre Schulzimmer kennen. Man weiss heute: Neugierde ist die Voraussetzung zum gelingenden Lernen.
Welche Rolle spielt die Natur für kreatives Denken?
Die entscheidende Frage ist, wie Kinder ihre Welt erleben und ob sie Zugang zu unterschiedlichen Erfahrungsräumen haben: ein Bewohnen von selbst gebauten Hütten, ein Durchstreifen von Wäldern und Wiesen, ein Werkeln mit Hammer und Säge, ein Entdecken von bislang Unbekanntem und Geheimnisvollem – auch das Gamen an der Playstation. Oder ganz einfach nur Spazierengehen. Für nicht wenige Kinder ist selbst das durchaus ungewöhnlich. Eltern sollten den zumeist schlummernden Forschergeist ihrer Kinder behutsam aktivieren und anspornen.
Wenn ich vermehrt Eltern mit ihren Kindern durch die Wälder gehen sehe, erlebe ich das als eine positive Entwicklung. Das «Waldbaden» mit allen Sinnen liegt zum Glück im Trend. Es spricht nichts dagegen, dass Erwachsene auch alleine unterwegs sein können, so wie einst Robert Walser, der grosse promeneur solitaire der Schweizer Literatur.
Man entkommt nicht nur der Enge der eigenen vier Wände, sondern die eigene Gedankenwelt lässt sich so wieder neu ordnen. Für den Philosophen Friedrich Nietzsche haben nur die «ergangenen» Gedanken einen Wert. Er notierte: «Glauben Sie nicht an irgendeine Idee, die nicht an der frischen Luft und aus der freien Bewegung geboren wurde.» Die wohltuende Wirkung eines längeren Spazierganges soll man auf gar keinen Fall unterschätzen. Der Effekt ist grösser, als man vorher erwartet hätte.
Können Sie ein konkretes Beispiel nennen?
Es wird von Eltern erzählt, dass ihre Kinder nicht wüssten, was sie machen sollen. Das ist nicht verwunderlich, denn Jugendliche haben kaum die Möglichkeit zu lernen, wie sie ihre Freizeit gestalten könnten. Wer den Kindern den Zugang zur «offenen Welt der Natur» verwehrt, entzieht ihnen wichtige Erfahrungen, sowohl körperlich wie auch geistig. Auf Bäume klettern muss man selbst.
Wer nicht spielen darf, bleibt in der Entwicklung eingeschränkt, was Kreativität und Konzentrationsfähigkeit betrifft. Diese Kinder sind weniger gut imstande, Pläne zu schmieden und umzusetzen. Wird das kreative Spiel der Kinder von Eltern, Kitas und Schule gefördert, dann führt das – so der einhellige Tenor der Entwicklungspädagogen – zu einer gesunden Entwicklung in allen wichtigen Bereichen: kognitiv, emotional, sozial, kreativ und motorisch.
Fachleute und Politiker sorgen sich immer wieder darum, dass Schülerinnen und Schüler den vorgesehenen Schulstoff nicht bewältigen können. Ist diese Sorge berechtigt?
Natürlich geht es beim schulischen Lernen um die Bewältigung des vorgegebenen Stoffes, aber eben auch darum, für eine Freude am Lernen Sorge zu tragen. Lust und eine innere Vitalität sind Schlüssel zum erfolgreichen und nachhaltigen Lernen. Das versorgt das Nervensystem mit Dopamin, dem Glücksbotenstoff im Gehirn.
Unser Gehirn ist imstande, sich immer auch an die Emotionen im Prozess des Lernens zu erinnern. Wurde das Lernen als lustvoll empfunden, erinnern wir uns nicht nur gerne an diese Zeit zurück, sondern haben das Gelernte auch viel präsenter. Mussten wir unter Angst einen Stoff auswendig lernen, verdrängt unser Gehirn die Gedanken an diese Zeit, und auch der Lerninhalt verflüchtigt sich.
Das heisst in der Konsequenz: Die Form des spielerischen Lernens, verbunden mit dem Moment des Spasses, ist die beste Fördermassnahme für Kinder und Jugendliche. Albert Einstein hat das sehr schön formuliert: «Kreativität ist Intelligenz, die Spass macht.» Hier lässt sich anfügen: Spielen ist Lernen.
Wie wichtig sind Kollaboration und gemeinsame Projekte für Kinder und Jugendliche?
Als Kreativitätsforscher unterscheide ich zwischen drei Arten von kreativem Tun: der individuell-gestaltenden Kreation von etwas, der interdisziplinär-erkundenden Ko-Kreation mit anderen und dem sozial-sinnstiftenden Kreativsein innerhalb einer Learning Community. An der Zürcher Hochschule der Künste ZHdK verwenden wir den Begriff «Creationship», der alle drei Felder miteinander verknüpft.
«Creationship» als integrale Form der Kreativität versetzt uns in einen Zustand von Verbundenheit und Sympathie füreinander. Mein Credo lautet: Creationship vermittelt die nötigen Denkwerkzeuge, um das Raumschiff Erde und seine Passagiere in eine nachhaltigere, innovativere und menschenwürdigere Zukunft zu lenken.
Wenn Kinder und Jugendliche im gemeinsamen Spiel zu einer zwanglosen und ungewissen Betätigung finden können, dann erschaffen sie damit eine Phantasiewelt, in der sich ihre Denk- und Handlungsfreiheit vergrössert. Wir sollten zur Kenntnis nehmen, dass Kinder a priori nicht gewillt sind, Routinen, Gewohnheiten und einschränkende Verhaltensmuster als gegeben hinzunehmen. Wenn es uns Erwachsenen gelingt, wieder wie Kinder zu staunen, dann widersetzen wir uns der Vergeudung des Lebens.
Für die Wirtschaft ist Kreativität seit Jahren eine Anforderung, um erfolgreich im Beruf zu sein. Gleichzeitig wird Kreativität an Schulen wenig gefördert. Das ist doch ein Widerspruch.
Ja. Das Problem ist, dass von der Kita über den Kindergarten bis in die Grundschulen ein anderes Programm gefahren wird, eines, das stark auf die MINT-Fächer fokussiert – also Mathematik, Informatik, Naturwissenschaft und Technik. Es zwingt Kinder in die Sekundarschule, dann zur Maturität und letztlich zu einem Uni-Abschluss.
Dies alles führt derzeit in der Bildungslandschaft dazu, dass sich das schulische Bildungsangebot zunehmend auf die Verwertbarkeit von Handlungswissen für das künftige Berufsleben konzentriert und Fächer wie Musik oder Kunst zunehmend den MINT-Angeboten in der Schule weichen müssen. Das Ziel ist eindeutig, die Kinder über die Lerninhalte als Erwachsene für den Arbeitsmarkt verfügbar zu machen.
Ich denke aber, es wird langsam ein Umdenken erkennbar. In den PISA-Tests geht es primär um das Messen des Bildungsgrades. Aber auch das künstlerische oder kreative Lernen an Schulen sollte eine Rolle spielen. Doch wie soll das gemessen werden? Wer nach einer Antwort für einen Ausweg aus dem Spannungsfeld MINT versus Kunst- und Musikunterricht für ein Leben als Erwachsener sucht, kann eine Zeile aus dem Song «No Surrender» des US-Musikers Bruce Springsteen nachklingen lassen: «We learned more from a three-minute record than we ever did at school.»
Woran erkennen Sie, dass es zu einem Umdenken kommt?
Es zeigt sich daran, dass unser Kreativitäts-Coaching an der ZHdK nicht allein von Künstlern, Designern und Musikern besucht wird, sondern vor allem auch von Akademikern. Etwa von einer Chemikerin, Mikrobiologin oder Soziologin oder von Berufsleuten aus den Feldern Kommunikation, Bildung und Kaufmännisches.
Sie alle wollen erfahren, was es heisst, innovativ zu sein, oder welche Methoden ihnen helfen, aus Routine und Konvention auszubrechen. Unser Creationship-Programm an der ZHdK verführt die Teilnehmenden dazu, sich der eigenen oder kollektiven Kreativität zu öffnen. Das bedeutet, ein unbekanntes Haus zu betreten, ähnlich wie bei Alice im Wunderland, die dem weissen Hasen folgt. Von einem Staunen à la Alice erfasst zu sein, bedeutet, sich einen Zugang zu neuen Erfahrungsräumen zu verschaffen.
Wie könnte Kreativität im Arbeitsleben gestärkt werden – gerade dort, wo Leistung und Druck dominieren?
Kreatives Denken, respektive Querdenken, kann in der Wirtschaft nur dann gedeihen, wenn eine Offenheit für Abweichungen, für Ungeplantes und Zufälliges zugelassen wird. Zufallsergebnisse wie etwa die Realisierung der antibiotischen Wirkung von Penicillin oder die Tatsache, wie aus einem vorgesehenen Herzmedikament Viagra wurde, zeigen das eindrücklich.
Der Bedarf an Querdenkern wird steigen. Sie bringen frischen Wind und stossen Entwicklungen an. Abgesehen von Firmen wie Google und Apple, die von Innovationen leben und ausdrücklich nach Querdenkern suchen, entscheidet ansonsten in den meisten Fällen immer noch der Zufall, ob eine querdenkende Person in ein Unternehmen oder in eine Organisation kommt – und ob sie sich dort entfalten kann.
Kinder dürfen nicht zwecklos spielen, und Erwachsene fallen im Arbeitsleben in abstrakte Muster?
Ja, vieles ist abstrakt und muss objektiv sein, hat damit aber auch wenig mit einem selbst zu tun. Das Subjektive und Emotionale bleibt aussen vor. In ihren Berufen und Disziplinen müssen die Menschen Antworten auf Probleme liefern. Wenn solche Leute zu uns an die ZHdK in eine «Creationship»-Weiterbildung kommen, ist es genau umgekehrt. Wir konzentrieren uns konsequent auf Lösungen, anstatt Probleme lösen zu wollen.
Pointiert lässt sich sagen, dass man das Problem nicht kennen muss, um es zu lösen. Das Problem hat mit der Lösung nicht unbedingt etwas zu tun und die Lösung nicht unbedingt mit dem Problem. Mit Übungen sollen die Teilnehmenden begreifen, dass das Suchen nach möglichen Ursachen oder auch nur ein Lamentieren über ein Problem nicht weiterhilft.
Wir vermitteln Methoden, mit denen die Leute es selbst in der Hand haben, zum Lösungs-Coach zu werden. Dieses Bewusstmachen der eigenen Ressourcen ist von enormer Antriebskraft und fördert die Motivation. Dieser Prozess ist für viele ungewohnt. Sie erwarten klare Antworten, werden jedoch auf ein unbekanntes und unsicheres Terrain begleitet.
Welche Rolle spielen Emotionen für kreatives Denken?
Wichtig ist zu erkennen, dass die emotionale Verfasstheit unsere gesamte Existenz einfärbt. Kreativität braucht eine innere Kraft. Das Dopamin, das gerade in kreativen Prozessen ausströmt, öffnet die Hirnsynapsen. Wir nehmen Informationen auf wie ein Schwamm. Wir gewinnen an der Fähigkeit zum Staunen, lernen uns selbst anders kennen und begegnen der Welt auf eine andere Weise.
Die Frage ist, ob sich ein Zwischenraum öffnen lässt für Neugierde, Entdeckerfreude und die Lust an einer authentischen Kommunikation miteinander. Es beginnt mit ganz einfachen alltäglichen Erfahrungen: mit einem nachbarschaftlichen Gespräch über den Gartenzaun hinweg oder sinnenoffenen Spaziergängen in der Natur. Man beginnt im Kleinen. Dazu braucht es keine grossen Kunst- oder Kultur-Postulate. Es genügt zu staunen. Einzig ein staunender Blick erkennt das Unerwartbare im Erwartbaren, das Rebellische in der Ordnung, das Aussergewöhnliche im Gewöhnlichen.

Paolo Bianchi ist Kulturpublizist und Kreativitätsforscher. Als Hochschuldozent an der Zürcher Hochschule der Künste ist er Gründungsleiter des Weiterbildungsprogramms CAS in Creationship, wo es um Angewandtes Querdenken und Kreativitäts-Coaching geht.
