Während die Klimakrise eskaliert, berichten Medien noch immer ausführlich über neue Smartphones, Börsenkurse und die Sorgen globaler Grosskonzerne. Vieles davon ist korrekt recherchiert. Aber korrekt ist nicht automatisch relevant. Medien müssen endlich darüber sprechen, welche Themen sie gross machen – und welche sie klein halten.
Das neue iPhone, Quartalszahlen von Milliardenkonzernen oder marginale Umsatzrückgänge globaler Unternehmen schaffen es regelmässig auf die Frontseiten, in Pushmeldungen und Liveticker. Die Klimakrise hingegen erscheint oft als eine Meldung unter vielen: ein Hitzerekord hier, eine neue Studie dort, ein Extremwetterereignis am Rand des Nachrichtenstroms. Kurz sichtbar, dann wieder verschwunden.
Das ist ein Problem. Nicht, weil Medien grundsätzlich falsch berichten würden. Im Gegenteil: Viele Artikel sind sauber recherchiert, faktenbasiert und journalistisch korrekt. Aber sie sind oft nicht wichtig genug, um den Platz einzunehmen, den sie erhalten. Richtig, aber irrelevant.
Die Klimakrise ist längst keine abstrakte Zukunftsfrage mehr. Die Jahre 2015 bis 2025 waren laut Weltorganisation für Meteorologie die elf wärmsten Jahre seit Beginn der Messungen. 2025 war eines der drei wärmsten Jahre überhaupt. Gleichzeitig nehmen extreme Hitze, Starkregen, Dürren, Waldbrände, schmelzende Gletscher und steigende Meeresspiegel weiter zu. Die Welt ist mitten in einer ökologischen Krise – und die mediale Aufmerksamkeit steht dazu oft in keinem Verhältnis.
Natürlich berichten Medien über Klima. Sie tun es aber häufig ereignisgetrieben: wenn ein Gletscher abbricht, ein Fluss über die Ufer tritt, ein Wald brennt oder ein neuer Temperaturrekord gemessen wird. Dann gibt es Bilder, Zahlen, Betroffenheit. Danach rutscht das Thema wieder nach hinten. Dabei ist die Klimakrise kein Einzelereignis. Sie ist der Hintergrund, vor dem fast alle politischen, wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Fragen der kommenden Jahrzehnte verhandelt werden.
Genau deshalb reicht es nicht, Klima als Ressortthema zu behandeln. Klima gehört nicht nur auf die Wissenschaftsseite oder in die Nachhaltigkeitsbeilage. Klima betrifft Wohnen, Mobilität, Landwirtschaft, Gesundheit, Migration, Sicherheit, Energie, Wirtschaft, Versicherungen, Aussenpolitik und soziale Gerechtigkeit. Wer die Welt abbilden will, wie sie ist, muss diese Zusammenhänge sichtbar machen.
Stattdessen werden Leser:innen und Zuschauer:innen täglich mit Nebensächlichkeiten gefüttert: neue Produkte, neue Modelle, neue Quartalszahlen, neue Rekorde an der Börse. Meldungen darüber, ob ein Sportartikelhersteller seine Trendwende schafft, ob ein Autokonzern leicht weniger Fahrzeuge verkauft oder ob ein Techkonzern ein neues Gerät präsentiert, erhalten oft mehr Raum, als sie verdienen.
Natürlich kann Wirtschaftsjournalismus relevant sein. Natürlich können Unternehmenszahlen etwas über Arbeitsplätze, Lieferketten, Märkte und Machtverhältnisse erzählen. Aber zu oft werden solche Meldungen nicht eingeordnet, sondern bloss weitergereicht. Drei Sätze Agenturmeldung, ein Firmenname, eine Prozentzahl, ein Kursgewinn. Kein Kontext. Kein gesellschaftlicher Mehrwert. Nur Füllstoff.
Besonders absurd wird es, wenn Medien über sinkende Werbeeinnahmen klagen, gleichzeitig aber kostenlos Aufmerksamkeit für die Produkte von Konzernen erzeugen. Wenn Apple ein neues iPhone präsentiert, berichten manche Medien, als handle es sich um ein demokratisches Grossereignis. Liveticker, Analysen, Bildergalerien, Spekulationen. Dabei ist es vor allem eines: eine Produktpräsentation eines der wertvollsten Unternehmen der Welt.
Das Problem ist nicht, dass solche Themen gar nicht vorkommen dürfen. Das Problem ist das Verhältnis. Jede Zeile, jede Pushmeldung, jeder Teaser auf einer Startseite ist eine Entscheidung. Medien entscheiden täglich, was sie sichtbar machen und was nicht. Sie entscheiden, welche Themen gross erscheinen und welche klein. Sie entscheiden, was als dringend gilt und was als Hintergrundrauschen verschwindet.
Darum brauchen Medien eine Relevanzdebatte. Nicht als moralische Übung, sondern als journalistische Notwendigkeit. Wofür sind Medien da? Wollen sie Aufmerksamkeit bewirtschaften oder Orientierung schaffen? Wollen sie bloss abbilden, was gerade geklickt wird, oder helfen, zu verstehen, was wirklich auf dem Spiel steht?
Viele Redaktionen stehen unter enormem wirtschaftlichem Druck. Das ist real. Sinkende Einnahmen, weniger Personal, Abhängigkeit von Plattformen und Klickzahlen machen guten Journalismus schwieriger. Aber genau deshalb ist Relevanz so entscheidend. Wer um Vertrauen, Abos und Aufmerksamkeit kämpft, kann es sich nicht leisten, die knappe Zeit des Publikums mit Belanglosigkeiten zu füllen.
Journalismus sollte nicht nur fragen: Ist das wahr? Sondern auch: Ist das wichtig? Für wen ist es wichtig? Welche Folgen hat es? Welche Machtverhältnisse werden sichtbar? Welche Entwicklungen prägen unser Leben langfristig? Welche Themen verschwinden, weil sie weniger spektakulär, weniger bequem oder weniger profitabel sind?
Die Klimakrise, das Artensterben, soziale Ungleichheit, demokratische Erosion, digitale Machtkonzentration, Wohnungsnot und die Frage, wie Gesellschaften gerechter und ökologischer werden können, gehören ins Zentrum der Berichterstattung. Nicht immer alarmistisch, nicht immer apokalyptisch, aber kontinuierlich, verständlich, konkret und relevant.
Medien müssen nicht die Welt retten. Aber sie müssen aufhören, so zu tun, als seien neue Autos, neue Smartphones und die Quartalszahlen von Grosskonzernen gleich wichtig wie die Grundlagen unseres Zusammenlebens. Wenn Journalismus die Welt abbilden will, wie sie ist, dann muss er dort beginnen, wo die wirklichen Konflikte liegen.
Wir haben dringendere Probleme als neue iPhones.
