Was Rajagopal von Gandhi weiterträgt

Für den indischen Friedensaktivisten Rajagopal ist Gewaltfreiheit eine Form des Widerstands, die gelernt und organisiert werden muss. Sein Vorbild ist Mahatma Gandhi. Dessen Methoden prägen bis heute seinen Einsatz für Landrechte und soziale Gerechtigkeit.

Eine Handvoll Salz wurde zum Symbol des Widerstands. Im März 1930 brach Mahatma Gandhi mit einer Gruppe von Mitstreitern zu einem Fussmarsch an die indische Küste auf. Nach rund 385 Kilometern erreichten sie Dandi. Dort widersetzte sich Gandhi dem britischen Salzgesetz, indem er Salz vom Strand aufhob. Die Kolonialmacht beanspruchte die Kontrolle über ein Gut, das alle Menschen zum Leben brauchten. Gandhi machte daraus eine Frage der Gerechtigkeit und des gewaltfreien Widerstands.

Gandhis Methoden prägen bis heute den indischen Friedensaktivisten Rajagopal. Für ihn bedeutet Gewaltfreiheit, sich gegen Unterdrückung zu wehren, ohne selbst Gewalt anzuwenden. Menschen müssen sich organisieren, gemeinsam handeln und politischen Druck aufbauen. Gewaltfreiheit ist für ihn eine erlernbare Praxis.

Rajagopal gehört zu den Gründern der indischen Bewegung Ekta Parishad. Sie setzt sich für Landrechte, soziale Gerechtigkeit und die politische Teilhabe benachteiligter Bevölkerungsgruppen ein. Ihre Arbeit verbindet gewaltfreien Protest mit Dialog und dem Aufbau lokaler Gemeinschaften. Damit steht sie in der Tradition Gandhis.

Zu Fuss politischen Druck aufbauen

Auch Rajagopal nutzt Märsche als Mittel des Widerstands. Im Jahr 2007 zogen unter dem Namen Janadesh rund 25’000 Menschen von Gwalior nach Neu-Delhi. Sie forderten Landrechte und die Umsetzung von Reformen. Die Bewegung bereitete die Teilnehmenden auf gewaltfreies Handeln vor und verband den Protest auf der Strasse mit Verhandlungen.

«Die Menschen schliefen, assen und tanzten auf den Strassen und Autobahnen. Es war ein politisches Festival», erzählte Rajagopal im Gespräch von 2025. Der gemeinsame Marsch machte Menschen sichtbar, deren Anliegen im politischen Alltag kaum Gehör fanden.

Beim erneuten Treffen in St.Gallen im Oktober 2026 spricht Rajagopal darüber, dass Gandhi mehr verändern wollte als die politischen Machtverhältnisse. Die Unabhängigkeit Indiens allein habe ihm nicht genügt. Entscheidend sei auch gewesen, wie die Menschen nach der Befreiung miteinander umgehen würden. Eine Gesellschaft müsse lernen, Konflikte ohne Gewalt auszutragen. Sonst bestehe die Gefahr, dass sich die Gewalt nach dem Ende der Kolonialherrschaft gegen die eigene Bevölkerung richte.

Rajagopal versteht Gandhis Vermächtnis deshalb als eine Aufgabe, die weit über einzelne Protestaktionen hinausgeht. Gewaltfreiheit soll das Zusammenleben prägen: in der Politik, in der Wirtschaft, in der Bildung und im Umgang mit der Natur.

Der Zerstörung etwas entgegensetzen

Angesichts der gegenwärtigen Kriege beschäftigt ihn besonders das Missverhältnis zwischen den Mitteln für Krieg und Frieden. Die Rüstungsindustrie investiere in Forschung und entwickle ständig neue Waffen. Friedensorganisationen dagegen fehlten häufig schon die Mittel für ihre tägliche Arbeit. Wer Gewaltfreiheit stärken wolle, müsse ebenfalls forschen, Menschen ausbilden und neue Handlungsmöglichkeiten entwickeln.

Dabei richtet Rajagopal den Blick auf Menschen, die bereits gewaltfrei handeln. Ihre Erfahrungen müssten sichtbarer werden und anderen als Anregung dienen. Gewalt zu kritisieren, reiche nicht. Gleichzeitig müsse etwas entstehen, das ihr entgegenwirke.

Auch seine Märsche versteht er in diesem Sinn. Sie bringen Menschen zusammen, schaffen Begegnungen und machen aus einem persönlichen Anliegen gemeinsames Handeln. Der Weg führt durch Dörfer und Städte, zu Schulen und Hochschulen. Unterwegs wird diskutiert, gelernt und nach Verbündeten gesucht.

Die Frage, ob sich mächtige Politiker davon beeindrucken lassen, ist für Rajagopal dabei nicht der einzige Massstab. Wer sein Handeln allein von deren Reaktionen abhängig mache, verliere irgendwann den Mut. Entscheidend sei, welche Welt die heutige Generation ihren Kindern hinterlasse.

Darin liegt für ihn die Aktualität Gandhis: Gewaltfreiheit muss immer wieder praktisch erprobt werden. Sie braucht Ausdauer, Organisation und die Bereitschaft, Verantwortung zu übernehmen. Rajagopal nennt einen Teil dieser Arbeit «das Gute vernetzen». Gute Menschen und gute Ansätze gebe es bereits. Sie müssten jetzt nur noch zusammenfinden.