|

Velofahrer:innen sind das Problem im Verkehr. Wirklich?

Andere Verkehrsteilnehmende nerven – das zeigt der neue AXA-Mobilitätstacho. Besonders interessant ist, worüber sich Autofahrende bei Menschen auf dem Velo ärgern. Vergessen geht oft: Velofahrer:innen sind genauso Teil des Verkehrs wie das Auto. Die Strasse gehört allen. Das Auto ist lediglich stärker und breiter. Ein Kommentar.

Wer mit dem Auto im Stau steht, nervt sich darüber, dass es nicht vorwärtsgeht. Schuld sind natürlich die anderen. Dabei ist man ja selbst Teil des Problems. Stau ist nicht nur das Ergebnis der anderen, sondern auch von mir selbst.

Dasselbe beim Velofahren: Viele Autofahrer:innen stören sich, wenn Velofahrer:innen auf der Strasse sind. Dabei müssten sich alle Autofahrer:innen über jedes Velo freuen. Denn Velos benötigen viel weniger Platz auf der Strasse als ein Auto.

Und: Veloverkehr ist genauso Teil des Verkehrs wie ein Auto, ein Bus oder Fussgänger:innen. Leider glauben Autofahrer:innen noch immer, sie alleine seien «der Verkehr».

Eigentlich ist es eine Selbstverständlichkeit, dass auch Velofahrer:innen Teil des Verkehrs sind. Im Alltag fühlt es sich aber nicht immer so an. Sobald ein Auto hinter einem Velo warten muss, bis es überholen kann, entsteht leicht der Eindruck: Die einen wollen vorwärtskommen, die anderen halten sie auf.

Diese Sicht beschäftigt mich, seit ich die neu veröffentlichte Auswertung des AXA-Mobilitätstachos 2026 gelesen habe. Das Forschungsinstitut Sotomo hat im Auftrag der AXA 1788 Menschen in der Deutsch- und Westschweiz befragt. Die ausführliche Studie untersucht auch, worüber sie sich bei anderen im Verkehr ärgern.

Was stört die Befragten tatsächlich?

Ein kurzer Blick in die Studie: Was sind denn die Problemchen der Autofahrer:innen? 61 Prozent der Automobilist:innen sind genervt, wenn sie im Stau stehen oder die Strasse sonst wie voll ist. 59 Prozent nennen gefährliches oder unangebrachtes Verhalten anderer Autofahrer:innen. Schuld sind immer die anderen, selber fährt man ja perfekt.

Jetzt kommts: 44 Prozent halten das Verhalten von Velofahrenden und Menschen zu Fuss für die grösste Gefahr und das grösste Ärgernis. Die Erhebung ist relativ; sie sagt nicht, wie viele sich allein über Velofahrende ärgern. Und sie misst Wahrnehmungen, keine beobachteten Regelverstösse.

Das grösste Problem bei Velofahrer:innen sind demnach missachtete Vortrittsregeln (60 Prozent), fehlende Handzeichen oder unvorhersehbare Manöver (57 Prozent) und das Nebeneinanderfahren mehrerer Velos (56 Prozent).

Die missachteten Vortrittsregeln verstehe ich. Auch Velofahrer:innen sollen sich an die Verkehrsregeln halten. Wer den Vortritt missachtet oder ohne Zeichen abbiegt, kann andere gefährden.

Beim Nebeneinanderfahren werde ich hellhörig. Warum wird es als Ärgernis empfunden? Weil es in einer bestimmten Situation gefährlich ist? Weil Autos dann länger warten müssen? Weil Velos mehr Raum einnehmen? Raum, den Autofahrer:innen seit fast einem Jahrhundert für sich in Anspruch nehmen?

Die Befragung beantwortet solche Fragen nicht. Sie hält fest, dass Menschen sich ärgern, aber sie sagt nicht, weshalb.

Wer sitzt geschützt, wer fährt ungeschützt?

Der Bericht zeigt aber auch die andere Seite. Menschen, die vor allem Velo fahren oder zu Fuss unterwegs sind, ärgern sich überdurchschnittlich häufig über rücksichtslose Autofahrende und zu hohe Geschwindigkeiten. Drei Viertel der Velo- und E-Bike-Fahrenden fürchten, durch andere in einen Unfall verwickelt zu werden.

Diese Zahlen beschreiben subjektive Sorgen. Sie sagen nicht, wie ein bestimmter Unfall zustande kommt. Dennoch macht es für den Alltag einen Unterschied, ob man geschützt in einem Auto sitzt oder auf einem Velo unmittelbar neben Autos fährt. Die AXA weist selbst auf dieses Kräfteverhältnis hin.

Deshalb stört mich eine Debatte: Auto und Velo sind ungleich in ihrer Verletzlichkeit und ihrer Kraft als Tötungsmittel. Die Verärgerung am Steuer und die Unsicherheit auf dem Velo dürfen nicht gleich behandelt werden.

Eine Person, die kurz warten muss, bis sie sicher überholen kann, erlebt etwas anderes als eine Person, die sich beim Überholtwerden um ihre körperliche Unversehrtheit sorgt.

Die meisten von uns kennen beide Situationen: Wir sind Autofahrende und Velofahrende. Mit Blech und Stahl Geschützte und Ungeschützte mit Pedalen. Klar gibt es solche, die nur mit dem Auto herumfahren und kein Velo besitzen. Diese Gruppe kann sich sicher nicht in die Rolle und Verletzlichkeit von Velofahrer:innen hineinversetzen.

Platz für alle, die unterwegs sind

Die Studie liefert keinen Beleg dafür, dass Velofahrende durch ihre blosse Anwesenheit andere stören. Sie fragt nach bestimmten Verhaltensweisen. Dieser Unterschied ist wichtig. Auch als Velofahrer muss ich Regeln beachten und Rücksicht nehmen. Ich muss mich aber nicht dafür entschuldigen, dass ich eine Strasse benutze und Platz brauche.

Ich möchte im Verkehr weder ein Hindernis sein noch als eines betrachtet werden. Ich möchte sicher ankommen. Das gilt für alle, die unterwegs sind – auch für uns Velofahrende.