Die Migros setzt künftig vermehrt auf kleinere Läden in Städten. Mehr Einkaufsmöglichkeiten im Quartier sind grundsätzlich eine gute Entwicklung. Weniger gut ist es aber, wenn Migros oder ein anderer Grossverteiler den Markt dominiert. Würden Städte nach der Pandemie Anreize schaffen und für günstige Mietpreise sorgen, hätten auch kleinere lokale Shops eine Chance. Dies würde wiederum die oft gähnend leeren Innenstädte wiederbeleben.
In Berlin heissen sie Spätis, in New York City Bodega und in Tokyo Mini Mart. Eigentlich in jeder grösseren Stadt gibt es die kleinen Läden, meist an einer Strassenecke. Lebensmittel, Getränke, Kosmetik- und Haushaltsartikel sowie Lotterie und Zigaretten. In der Regel werden diese kleinen Convenience Stores von einzelnen Menschen geführt. Jeder Laden ist einzigartig und doch unverwechselbar.
In der Schweiz gibt es solche Läden um die Ecke nicht. Die einzigen Möglichkeiten, um das Nötigste am Abend einzukaufen, bieten Tankstellen oder kleine Filialen von Migros oder Coop. Migrolino und Coop Pronto. Nicht selten gehören auch die Tankstellen diesen beiden Detailhändlern. Vereinzelt findet sich im Quartier einer durchschnittlichen Schweizer Stadt ein Spar-Express der st. gallischen Spar Holding AG sowie an den Bahnhöfen die Avec-Shops der Valora Schweiz AG. Das ist es dann auch schon.
Tankstellenshops verraten schon vom Namen her, auf welche Kundschaft sie ausgerichtet sind. Was in der Schweiz fehlt, sind kleinere Shops, die vom eigenen Quartier aus auch ohne Auto zu Fuss oder mit dem Velo erreichbar sind. Um in Berlin im Späti einzukaufen, brauche ich kein Fahrrad, weil der nächste Shop in der Regel gleich über der Strasse oder – im «schlechtesten» Fall – zwei, drei Fussminuten von meiner Wohnung entfernt ist.
Gäbe es mehr lokale Einkaufsmöglichkeiten im Quartier abseits von grossen Shopping Malls und übergrossen Migros- oder Coop-Filialen mit ihren fast unüberschaubar breiten Sortimenten, würde ein Hüpfen über die Strasse reichen. Es erstaunt deshalb nicht, dass Migros-Chef Fabrice Zumbrunnen heute in einem NZZ-Interview erklärt, sein Konzern wolle in den kommenden Monaten noch weitere kleinere Migrolino-Läden eröffnen.
Bereits vor der Pandemie habe die Migros vermehrt auf kleinere Läden gesetzt. «Mit der Pandemie hat sich dieser Fokus noch verstärkt. Wir wollen vermehrt auf kleine Läden setzen», so Zumbrunnen. Die Migros «entdeckt» also die Nähe zu den Menschen und ihr Bedürfnis, lokal einzukaufen.
Dass die Migros vermehrt kleine Läden plant und so den Einkauf näher, unkomplizierter und ohne Auto möglich macht, ist grundsätzlich keine schlechte Idee. Das Problem ist allerdings, das Feld für solch kleine Shops einem oder zwei Grossverteilern zu überlassen. Genau jene Grossverteiler, die seit den 1970er-Jahren grosse Shopping Malls auf die grünen Wiesen gebaut haben und damit für die Verwaisung von Innenstädten mitverantwortlich sind.
Bereits vor der Coronakrise haben viele Verkaufsflächen in Innenstädten leer gestanden. Corona hat die Situation noch verschärft. In Zukunft – der Stadt der Post-Pandemie – geht es eben genau nicht mehr darum, die Einkaufsgassen weiterhin mit grossen Konzernen und Brands zu füllen, sondern vor allem auf lokale Anbieter zu setzen.
Dafür müssten Städte zwingend für bezahlbare Mietpreise und nötigenfalls Subventionen für neuartige Shop-Ideen lokaler Anbieter sorgen. Wenn die Bedingungen für kleine Einzelhändler stimmen, kann sich parallel zur Migros auch ein lokales Einkaufsnetz etablieren. Lokale Anbieter mit Spezialitäten und Quartier-Charakter würden zweifelsfrei die Innenstädte beleben.
Es ist traurig, dass teilweise lokale Nonprofit-Initiativen, welche beispielsweise Bäckereiprodukte vom Vortag günstig verkaufen, aufgrund der Pandemie schliessen müssen, während Grossverteiler wie die Migros die Krise als Chance nutzen, um zu expandieren. Letztendlich ist es mehr vom Gleichen.
Je grösser die Diversität von Läden und Produkten, desto mehr Menschen verweilen auch gerne in Innenstädten. Mit den derzeitig grossen Leerbeständen an Verkaufsflächen haben Städte jetzt die einmalige Möglichkeit, mehr Diversität zu ermöglichen und «Stadt» nach der Pandemie völlig neu zu denken.
Für Städte müsste die Expansion von Migros und Co. eigentlich Chance und Weckruf gleichzeitig sein. Das Feld den Grossverteilern zu überlassen, ist jedenfalls keine gute Option.