Wenn es um die Zukunft von Städten geht, hört man vor allem Begriffe wie «Smart City» oder autonomes Fahren. Dabei sind die Herausforderungen und Ansprüche der zukünftigen Städte viel mehr als nur Infrastruktur und Technologie. In erster Linie geht es um das Wohlbefinden der Menschen. Kanadische Stadtplaner und Forscherinnen nennen es neuerdings auch «The Soulful City», die seelenvolle Stadt, und stellen Menschen am Rand der Gesellschaft ins Zentrum ihrer Forschung. Ein völlig neuer Ansatz.
Sogenannt Randständige oder Obdachlose gibt es in jeder Stadt. Oft werden sie lediglich geduldet oder bemitleidet. Auch wissenschaftliche Forschung ist eher rar über diese Menschen. Einen ganz neuen Ansatz versucht nun die kanadische Stadt Edmonton. Im Mittelpunkt der Planung stehen dort nicht mehr nur der Bau von Strassen und Infrastruktur, sondern neuerdings die Menschen, die in der Stadt am Rande der Gesellschaft leben.
Untersucht wird vor allem das Wohlbefinden – also Wellness und Wellbeing – dieser Menschen. Anschliessend sollen die Ergebnisse auf die gesamte Bevölkerung übertragen werden. Wohlbefinden und Gemeinschaft sehen die Forscher:innen des Projekts «Recover» als die wichtigsten Merkmale für die Transformation von Städten im 21. Jahrhundert.
Edmonton, die Hauptstadt der kanadischen Provinz Alberta, zählt inklusive der Agglomeration fast eine Million Einwohnerinnen und Einwohner. Stadtforscher:innen von Design Shop InWithForward befragten über einen längeren Zeitraum obdachlose Menschen. Eine der Erfahrungen sei gewesen, dass sich die von der Gesellschaft am meisten an den Rand gedrängten Menschen am wenigsten über materielle Dinge identifizieren würden. Bei den Obdachlosen kommen demnach vor materiellen Dingen zuerst Werte wie Respekt, Sinn und Zweck sowie Verbindungen zu Familie, Freunden und Gemeinschaft.
Diese Erkenntnis mag nicht völlig neu sein, doch wird sie nun erstmals in die Stadtplanung miteinbezogen. Dabei geht es auch um die Frage, wie können Werte die Wohlbefinden auf die gesamte Bevölkerung übertragen werden? Wie kann die Lebensqualität und die Gemeinschaft durch imaterielle Güter gestärkt werden?
«Durch unsere Interaktionen mit Menschen, die am Rande der Gesellschaft leben, einschliesslich der Wohnungslosen, haben wir gelernt, dass Verbindung zu anderen Menschen das ist, was das Wohlbefinden antreibt, und nicht materielle Güter», heisst es im Bericht von InWithForward. Unter den Obdachlosen sind vor allem auch viele Indigene, die Exklusion aus der Gemeinschaft oft seit Jahrhunderten am eigenen Leib erfahren mussten.
Diese Menschen bringen lebendige und vielfältige Traditionen, Weltanschauungen und Geschichten mit sich, aber auch die direkten und generationenübergreifenden Auswirkungen der historischen und andauernden kulturellen Ausgrenzung. Indigene Völker würden deshalb über ein einzigartiges und vollständiges Wissen verfügen, das sich eigne, um generell über Themen wie Gemeinschaft nachzudenken, schreiben die Forscher:innen. «Wir können viel von ihren Perspektiven und Wegen zum Wohlbefinden lernen.»
Mit dem Forschungsprogramm «Recover» will die Stadt Edmonton bis 2028 eine Strategie entwickeln, wie sich die Stadt bis 2050 aussehen könnte. Im Zentrum des Programms steht die Frage, wie können Menschen ihre Verbindungen stärken und sich besser als Gemeinschaft begreifen? Neben den Forschungsarbeiten werden auch die Bewohner:innen von Edmonton in den Prozess eingebunden und aufgefordert, mitzudiskutieren.
Die Kanadier verfolgen damit einen interessanten und völlig neuen Ansatz im Bereich Stadtplanung. Ein Ansatz, der nicht primär auf den Bau neuer Strassen und Infrastrukturen oder technologische Smart City-Lösungen fokussiert, sondern völlig grundlegende menschliche Werte und Konstruktionen der Gemeinschaft in den Mittelpunkt stellt. Die Kanadier nennen es «The Soulful City».