Rajagopal: Frieden braucht Forschung, Geld und Fantasie

Die Kriegsindustrie entwickelt ständig neue Waffen. Warum investieren wir nicht ebenso entschlossen in den Frieden? Der bekannte indische Friedensaktivist Rajagopal spricht mit RESETTER über gewaltfreien Widerstand, die Verantwortung der Schweiz und junge Menschen, die ihm Hoffnung geben.

RESETTER: Als wir uns im vergangenen Jahr im appenzellischen Trogen trafen, sprachen wir über Gandhis Ideen und Ihre Hoffnung, dass die Menschheit eine neue Bewusstseinsstufe erreicht. Seither ist die Welt noch gewalttätiger geworden. Der Irankrieg ist dazugekommen. Was hat sich für Sie verändert?

Rajagopal: Was mich jetzt beschäftigt, Philipp, ist Folgendes: Die Kriegsindustrie betreibt Forschung und Entwicklung. Sie produziert immer neue Waffen, die mächtiger sind und grössere Entfernungen überwinden können. Wenn die ‹Industrie der Zerstörung› so viel Geld in Forschung und Innovation steckt, warum sollten Organisationen, die an Frieden und Gewaltfreiheit glauben, nicht dasselbe tun?

Wenn Forschung und Innovation die Gewalt so weit voranbringen, müssen Menschen, die an Frieden glauben, ebenfalls viel mehr forschen und neue Wege entwickeln. Wie setzen wir dieser Zerstörung etwas entgegen? Ich suche nach Orten auf der Welt, an denen solche Innovationen der Gewaltfreiheit entstehen, und ermutige die Menschen: Macht weiter. Macht mehr davon.

Diese Arbeit beginnt schon bei den Kindern. Gehen Sie in einen Spielzeugladen: Sie bekommen eine Pistole. Das Kind nimmt sie mit nach Hause und schiesst auf seinen Papa. Der Papa tut so, als sei er tot, und das Kind tanzt: ‹Ich habe Papa getötet!› Natürlich wird niemand getötet. Aber im Kopf des Kindes entsteht eine Begeisterung für das Töten, für Gewalt.

Wo sehen Sie Beispiele dafür, dass gewaltfreies Handeln funktioniert?

Ich war kürzlich in Benin am Weltsozialforum. Dort ging es unter anderem darum, wie Erwachsene, Frauen und junge Menschen in Dörfern ihre Fähigkeiten nutzen, um Konflikte zu lösen. Es gibt Gemeinschaften, die eigene Formen der Konfliktlösung entwickelt haben. In Burkina Faso wurde uns beispielsweise von Initiativen erzählt, bei denen Gemeinschaften Verantwortung für ihre Konflikte übernehmen. Oder von der Idee, jemanden gemeinnützige Arbeit leisten zu lassen, statt ihn einzusperren. Die Gemeinschaft hat dann etwas davon.

Auch die Flottille Richtung Gaza ist für mich ein Beispiel. Menschen fahren auf Schiffen mit Hilfsgütern los, obwohl sie wissen, welches Risiko sie eingehen. Die Aktion ist symbolisch, aber sehr kraftvoll.

Und «Standing Together», wo jüdische und palästinensische Menschen gemeinsam arbeiten?

Ein sehr gutes Beispiel. Ein Akt des Friedens. Natürlich nimmt die Gewalt zu. Krieg und Gewalt werden unerträglich. Aber was kaum wahrgenommen wird: Es gibt auch starke gewaltfreie Kräfte auf dieser Welt. Wir müssen diese Orte finden, darüber sprechen und sie bekannt machen. Unsere Vorstellung von der Welt darf nicht nur vom Krieg bestimmt sein.

Was müssten neben der Zivilgesellschaft die Regierungen tun?

Unser gegenwärtiges Weltbild behandelt Gewalt als normal, fast als etwas Natürliches. Die volle Anerkennung der Gewaltfreiheit als Lebensweise könnte die Geschichte der Menschheit verändern.

Ich unterstütze deshalb die Idee eines Friedensdepartements. Wir haben staatliche Institutionen für Armee und Polizei. Warum nicht auch eine Departement für Frieden? In Indien fordere ich ein Friedensministerium. Im Bundesstaat Rajasthan gibt es eine Abteilung für Frieden. Eine Zeit lang funktionierte sie sehr gut. Dann wechselte die Regierung, und seither ist sie weniger aktiv.

Wir sollten ausserdem politische Entscheidungen aus einer Perspektive der Gewaltfreiheit betrachten. Wir kennen die Geschlechterperspektive: Werden Frauen berücksichtigt? Wir kennen die Umweltperspektive: Welche Folgen hat ein Vorhaben für die Umwelt? Genauso können wir fragen: Führt unser Handeln zu einer friedlicheren oder zu einer gewalttätigeren Welt?

Was sagen Sie einer Familie im Iran oder in Palästina, die bombardiert wird? Wie erklären Sie diesen Menschen den Sinn von Gewaltfreiheit?

Wer Gewalt als Mittel wählt, muss immer fragen, welche Folgen das für die gesamte Gesellschaft hat. Wenn ich zehn Menschen bei mir habe und einer gewalttätig wird, kann das dem Staat die Gelegenheit geben, gegen alle vorzugehen.

Ich bin deshalb kritisch gegenüber Hamas. Die Vorstellung, Israel mit Gewalt eine Lektion erteilen zu können, ist furchtbar nach hinten losgegangen. Aber den Palästinensern kann man jetzt keine Lektionen erteilen. Sie leiden. Was können Sie in einer solchen Situation tun? Sie können helfen. Deshalb halte ich zivile Hilfsaktionen wie die Flottille für wichtig.

Dafür gäbe es eigentlich die UNO.

Warum haben wir die UNO geschaffen? Um gemeinsam Probleme zu lösen: Armut, Diskriminierung, Gewalt, Klimakrise. Und gleichzeitig ziehen Mitgliedstaaten in den Krieg. Damit schwächen wir die Institutionen, die wir selbst geschaffen haben.

Dasselbe gilt für internationale Gerichte. Südafrika hat Israel vor den Internationalen Gerichtshof gebracht. Ich hatte bei der israelischen Reaktion den Eindruck: Uns ist egal, was ihr macht. Entweder wir schaffen solche Institutionen und respektieren sie, oder wir schwächen sie selbst. (Anmerkung der Redaktion: Südafrika reichte Ende 2023 beim Internationalen Gerichtshof (IGH) Klage gegen Israel ein. Es wirft Israel Verstösse gegen die Völkermordkonvention im Gazastreifen vor. Der IGH hat bislang nicht darüber entschieden, ob Israel Völkermord begangen hat, ordnete aber 2024 mehrfach verbindliche vorsorgliche Massnahmen an. Israel weist den Völkermordvorwurf zurück.)

Krieg ist im Fernsehen und in den Nachrichten. Frieden nicht.

Da müssen die Medien hart arbeiten. Sensationelle Nachrichten verkaufen sich gut. In Zeitungen gibt es Journalist:innen für Kriminalität und für Kriege. Aber wo sind die Journalist:innen für Frieden?

Friedensarbeit kann nicht die Verantwortung einer einzigen Institution sein. Medien haben eine Aufgabe, die Wirtschaft hat eine Aufgabe, Bildung, Regierung und Zivilgesellschaft haben eine Aufgabe.

Bei der aktuellen Weltlage könnte man leicht den Mut verlieren.

Ja. Manche sagen: Was nützt meine Arbeit noch? Die Welt geht sowieso zur Hölle. Ich sage: Ihr müsst stark bleiben, aufstehen und neue Ideen entwickeln, so wie die Kriegsindustrie ständig neue Ideen entwickelt. Wer für Frieden arbeitet, darf angesichts dieser Schwierigkeiten nicht den Mut verlieren.

Vor etwa drei Jahren kamen Menschen aus Kanada zu mir. Sie wollten einen Friedensmarsch nach Gandhis Vorbild organisieren. Wir halfen ihnen dabei. Wir starteten in Pugwash in Nova Scotia. Dort hatte 1957, angestossen durch das Manifest von Bertrand Russell und Albert Einstein gegen einen Atomkrieg, die erste Pugwash-Konferenz stattgefunden. Von dort gingen wir bis nach Halifax. Unterwegs besuchten wir Schulen und Hochschulen und sprachen mit den Menschen.

« Unser Bezugspunkt muss sein: Was soll mit den kommenden Generationen auf diesem Planeten geschehen? »

Wie viel bringen solche Märsche heute noch? Einen Präsidenten wie Donald Trump scheint es nicht zu kümmern, wenn Menschen demonstrieren.

Trump kann nicht unser Bezugspunkt sein. Unser Bezugspunkt muss sein: Was soll mit den kommenden Generationen auf diesem Planeten geschehen?

Wenn Sie sich nur auf Trump konzentrieren, verlieren Sie den Mut. Das Handeln muss weitergehen. Ich nenne das: ‹das Gute vernetzen›. Das Gute ist da. Gute Menschen sind da. Aber oft sitzen wir in unseren eigenen Kokons, jeder für sich. Am Ende wollen doch die meisten Menschen in Frieden leben. Bei allem Geld und aller Macht: Was wünschen Sie sich zuletzt? In Frieden zu leben. Wenn wir das alle wollen, warum schaffen wir dann keinen Frieden?

Gewaltfreiheit wäre eigentlich idealer Unterrichtsstoff von der Grundschule bis zur Universität.

Absolut. Das haben wir an einer Universität in Belgien versucht. Jedes Fach sollte ein Stück Gewaltfreiheit enthalten. Es ist wie mit Salz im Gemüse. Es braucht nur wenig, aber dadurch verändert sich das Ganze.

Das gilt für Landwirtschaft, Wirtschaft und genauso für Journalismus. Wie kann ich mit meinem Stift mehr Gewaltfreiheit und Frieden in die Welt bringen? Dieses bisschen Salz macht auch journalistische Arbeit besser.

Armee auf Werbetour: Soldat verteilt Kindern Biscuits an einer Messe
Armee auf Werbetour: Soldat verteilt Kindern Biscuits an einer Messe. Bild: php/RESETTER
Kriegsspielzeuge und Pistolen an einem Jahrmarkt
Kinder erlernen Gewalt oft spielerisch: Kriegsspielzeuge und Pistolen an einem Jahrmarkt. Bild: phb/RESETTER

Aber am Ende geht es fast überall ums Geld.

Wir wissen inzwischen ziemlich gut, was dazu geeignet ist, die Welt zu zerstören. Aber was eignet sich dazu, sie zu retten?

Ich hoffe, dass die nächste Generation sich dieser Frage zuwendet. Gegenwärtig ist es ein blinder Lauf: Was auch geschieht, mach möglichst viel Geld. Aus diesem Lauf aufzuwachen und zu einer friedlichen Welt beizutragen, wäre eine grosse Veränderung im menschlichen Verhalten.

Müssen sich auch die Vereinten Nationen neu aufstellen?

Ja. Die UNO ist ein Zusammenschluss von Staaten und kann nur so weit gehen, wie diese Staaten sie gehen lassen. Aber viele Menschen wollen eine Reform und eine UNO, die auch mächtigen Staaten Grenzen setzen kann.

Wir haben es mit Atommächten zu tun. In einem Augenblick kann alles zerstört werden. Die Welt ist gefährlicher geworden. Die Vereinten Nationen müssen gestärkt werden.

« Wir müssen eine Kraft werden, die als solche wahrgenommen wird. »

Auch die Friedensbewegungen sind stark zersplittert. Müssten sie nicht weltweit stärker zusammenarbeiten?

Ja. Sie müssen zusammenkommen, eine gemeinsame Agenda haben und gemeinsam handeln. Und sie brauchen genügend Ressourcen dafür. Alleingänge helfen nicht mehr. Wir müssen eine Kraft werden, die als solche wahrgenommen wird.

In Indien haben wir deshalb das Peace Builders Forum of India gegründet. International arbeiten wir an «Peace Seven», P7, ähnlich wie G7. Bei G7 geht es darum, Geld zu machen. Bei Peace Seven geht es darum, Frieden zu machen. (Anmerkung der Redaktion: Die G7 ist ein informelles Forum sieben grosser Industriestaaten und der EU. Wirtschafts- und finanzpolitische Fragen gehören zu ihren zentralen Themen, daneben befasst sie sich unter anderem mit internationaler Sicherheit, Klima und Gesundheit.) Wir haben die Zivilgesellschaft aus sieben Ländern zusammengebracht: Japan, Indien, Südafrika, Kanada, der Schweiz, Costa Rica und Armenien. Bald wollen wir daraus P20 machen. Wir müssen mehr Fantasie einsetzen.

Beim letzten Gespräch sagten Sie, die Schweiz könne eine wichtige Rolle in der Friedensarbeit spielen. Hat sich etwas bewegt?

Unsere Freunde hier wollen eine Briefkampagne an die Schweizer Regierung für ein Friedensdepartement starten. Das Departement ist das eine. Aber wenn Sie 100’000 Menschen in eine solche Kampagne einbeziehen, entsteht bereits eine Bewegung. So viele Menschen beginnen, über Frieden nachzudenken. Ich glaube weiterhin, dass die Schweiz eine sehr wichtige Rolle spielen kann.

Viele Menschen fühlen sich ohnmächtig und wissen nicht, was sie tun sollen.

In vielen Ländern wollen Menschen etwas tun. Die Frage ist: Wer stärkt ihnen den Rücken? Viele fühlen sich verloren und isoliert. Wir müssen sie unterstützen und sagen: Steht auf. Bewegt euch. Kommt zusammen.

Jungen Menschen sind Werte wichtig: Demokratie, Gerechtigkeit, Frieden, Klimagerechtigkeit. Ihre Art zu handeln unterscheidet sich von unserer. Vielleicht sollten wir Älteren unser ganzes Gewicht hinter sie stellen und ihnen helfen, ihre Welt zurückzugewinnen.

Sie haben gestern mit Studierenden der Sozialen Arbeit gesprochen. Was erzählen diese jungen Menschen Ihnen?

Sie sprechen über Rassismus und darüber, dass Menschen noch immer nicht als gleichwertig behandelt werden. Auch Mobbing beschäftigt sie. Wer Macht hat, schikaniert Menschen mit weniger Macht. Aber sie sprechen auch über Fürsorge und Liebe als Werte unserer Gesellschaft. Rassismus und Mobbing müssen aufhören. Ich habe mich sehr gefreut, das von jungen Menschen zu hören.

Das Gespräch mit Rajagopal führte Philipp Bürkler am 15. Oktober 2026 in St.Gallen.