Foodtafeln: «Wir bauen eine Brücke zwischen Überfluss und Armut»

Wenn das Geld nicht bis Ende Monat reicht. Die Coronakrise könnte die Anzahl Armutsbetroffener in der Schweiz ansteigen lassen. Bild: mf
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In der Schweiz gibt es offiziell rund 660’000 Menschen die von Armut betroffen sind. Tatsächlich dürften es wahrscheinlich viel mehr sein. Durch die Coronakrise könnte diese Zahl deutlich ansteigen. Hilfsorganisationen und Foodtafeln stellen seit Ausbruch der Krise eine erhöhte Nachfrage fest. Die Krise zeigt, wie dünn das Leben für viele Menschen finanziell ist. Philipp Bürkler

Es ist paradox: Viele Menschen warten sehnlichst darauf, dass der Corna-Lockdown beendet wird und die Shopping Malls und Einkaufsstrassen in den Innenstädten wieder öffnen. Ein Leben ohne Shopping ist für viele nur ein halbes Leben. Für armutsbetroffene Menschen in der Schweiz hat Shopping jedoch eine ganz andere Bedeutung. Diese Menschen sind froh, wenn sie täglich etwas zu Essen bekommen und sich das Nötigste für Haushalt und Kleidung leisten können. Die aktuelle Krise verschärft ihre Situation zusätzlich.

Diese Verschärfung stellt auch Stefan Möckli, Geschäftsleiter von der Schweizer Tafel, fest. Seine Organisation verteilt nicht verkaufte Lebensmittel von Grossverteilern wie Migros, Coop, Aldi oder Lidl an soziale Institutionen wie Gassenküchen, Flüchtlingsheime oder Hilfswerke wie der Heilsarmee. Dort werden die Lebensmittel gekocht und als Menu an Bedürftige abgegeben. Weil wegen der Coronakrise viele Gassenküchen, alle Verteilstationen von Tischlein Deck dich sowie andere Institutionen vorübergehend geschlossen sind, gebe es derzeit eine Verschiebung, so Möckli. «Armutbetroffene sind auf andere Institutionen ausgewichen und als Folge habe sich die Abgabe von Lebensmitteln in diesen Institutionen deutlich erhöht.»

Seit Ausbruch der Krise hätten sich aber auch die Lieferanten der Lebensmittel verändert. Waren es bisher vor allem Supermärkte, seien es nun auch Delikatessen-Läden oder Restaurants wie Mc Donalds oder Subway, die aufgrund von Covid-19 ihre Betriebe schliessen mussten. Besonders schön sei die spontane Idee eines Westschweizer Unternehmens, erklärt Möckli. «Das Unternehmen hat sich bereit erklärt, in seiner vorübergehend nicht benötigten Kantine mit unseren Lebensmitteln Menus für Bedürftige zu kochen.»

Die Schweizer Tafel ermöglicht Bedürftigen durch die Kooperation mit sozialen Institutionen nicht nur regelmässige Mahlzeiten, sondern leistet auch einen Beitrag gegen die Lebensmittelverschwendung in einer Überflussgesellschaft. In der Schweiz landen jährlich 2,8 Millionen Tonnen Lebensmittel im Abfall, immerhin 4’000 Tonnen davon «rettet» die Schweizer Tafel und verteilt sie an soziale Institutionen. Es würden sehr viele Lebensmittel weggeworfen, obwohl es so viele bedürftige Menschen gebe, sagt Möckli. Seine Organisation könne zwar nicht die strukturelle Armut beseitigen oder Leute aus der Armut herausholen. «Wir können aber das Recht auf Nahrung sicherstellen und eine Brücke zwischen Überfluss und Armut bauen.»

Krise schafft auch neue Armut in der Schweiz

Eine grössere Nachfrage von Angeboten aufgrund der Coronakrise stellt auch Stefan Gribi, Kommunikationsleiter bei Caritas Schweiz, fest. «In unseren Caritas-Märkten, in denen Bedürftige mit Gutscheinen stark vergünstigte Lebensmittel und andere Güter einkaufen können, hat sich die Anzahl Kunden verdoppelt.» Die Krise dürfte die Nachfrage in den folgenden Jahren noch erhöhen, glaubt Gribi.

Die Coronapandemie und der dadurch ausgelöste Lockdown dürfte auch zu einem Anstieg der Armut führen. Besonders betroffen von Arbeitslosigkeit oder Kurzarbeit sind Menschen die bereits vor Ausbruch der Krise an der Armutsgrenze gelebt haben und jetzt durch Lohneinbussen noch weniger Geld zur Verfügung haben. «Diese Menschen haben oft nur 100 oder 200 Franken als Reserve im Monat übrig. Wenn jetzt durch Kündigung oder Kurzarbeit eine Lohneinbusse von 20 Prozent erfolgt, wird es kritisch für sie», sagt Gribi gegenüber dem Resetter. Es sei deshalb zu befürchten, dass wegen der Krise zusätzlich viele Menschen unter die Armutsgrenze fallen würden.

Als arm gilt eine alleinlebende Person mit einem Einkommen von monatlich rund 2’300 Franken sowie eine Familie mit zwei Kindern mit rund 4’000 Franken. In der Schweiz leben offiziell 660’000 Menschen, 8,2 Prozent der Gesamtbevölkerung, in solchen prekären Verhältnissen. «Bedenklich ist, dass es wahrscheinlich bis zu einer halben Million weitere Menschen gibt, die knapp über der Armutsgrenze leben.» Viele Armutsbetroffene würden sich aus Scham oder anderen Gründen gar nicht erst bei einem Sozialamt melden.

Die Massnahmen des Bundesrates zur Abfederung der Krise zeigten bei armutsbetroffenen Menschen wahrscheinlich wenig Wirkung, so Gribi. «Oft fehlt bei diesen Menschen eine Sozialversicherung oder eine feste Anstellung.» Als politische Massnahme schlage Caritas deshalb vor, dass künftig beispielsweise armutsbetroffene Familien – ähnlich der AHV – Ergänzungsleistungen beziehen könnten. «Das könnte viele Familien davor bewahren, Sozialhilfe zu beziehen.» Eine solche Gesetzesänderung würde Familien auch über schwierige finanzielle Situationen wie Arbeitslosigkeit, Ausbildung der Kinder oder Arztrechnungen, hinweghelfen, ist Gribi überzeugt. Ausserdem sei es problematisch, dass die Sozialhilfe kantonal unterschiedlich geregelt sei. «Es kann nicht sein, dass Hilfe davon abhängt, wo in der Schweiz eine betroffene Person lebt.»

Verschiedene Hilfsorganisationen stellen seit Ausbruch der Krise zwar eine grosse Solidarität in der Bevölkerung mit bedürftigen Menschen fest, die sich in Spenden oder freiwilligen Einsätzen zeigt. Gleichzeitig macht die Krise aber auch sichtbar, dass immer mehr Menschen in der «reichen» und wohlhabenden Schweiz finanziell einen sehr kleinen Spielraum haben und deswegen nicht voll und ganz am gesellschaftlichen Leben teilhaben können wie Menschen ohne finanzielle Sorgen.

In der Schweiz geht es armutsbetroffenen Menschen dank eines gut ausgebauten Sozialsystems verhältnismässig gut im Vergleich mit anderen europäischen Staaten. Quelle: Bundesamt für Statistik.


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6 Gedanken zu „Foodtafeln: «Wir bauen eine Brücke zwischen Überfluss und Armut»“

  1. Wie kann man Anmelden für einmalige Auszahlung von 1000sfr und Gutscheine für Caritas Markt zu beziehen?
    Besten Dank für Ihren Antwort.
    076.519.80.30

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